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Gesellschaft des Weniger

In der bürgerlichen Welt Westeuropas hat seit der Französischen Revolution eine Mentalität des Wachstums geherrscht. Sie beinhaltete drei grundlegende Versprechungen: dass wirtschaftliche Entwicklung sich über den gesamten globalen Raum ausbreiten, das menschliche Los grundlegend verbessern, den kulturellen und sozialen Fortschritt absichern und für alle Zeit weitergehen ("fortschreiten") werde. Und tatsächlich hat die Entwicklung unter dieser Losung zunehmend vielen Menschen Wohlstand gebracht, materielle Armut verdrängt und immer mehr Menschen in die bequeme Mitte geholt. Wann immer und wo immer ein Problem auftrat: durch Wachstum (besser: durch Expansion) konnte es behoben werden. So ist diese Mentalität zur europäisch-nordamerikanischen Selbstverständlichkeit geworden.

Für die Kraft der Expansion sprachen auch viele Argumente, am deutlichsten in der so genannten "Gründerzeit". Städte expandierten über die Stadtmauern hinaus. Leipzig etwa, das zwischen 1676 und 1776 jährlich um 40 Menschen "angewachsen" war, explodierte später. Zwischen 1875 und 1890 stieg die Einwohnerzahl täglich um 23 Menschen, also 200mal schneller als damals. Die Erdölförderung der Welt wuchs von 1869 bis 1890 von 82.000 Barrels auf 30.000.000, also auf das 366-fache in 21 Jahren. Entwicklungen dieser Art wurden passend kommentiert mit dem Motto "Schneller - höher - weiter". Dieses Motto der modernen Olympischen Bewegung galt weit über den Sportbereich hinaus. Man vermischte es mit der anderen Losung "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" aus der Französischen Revolution und fügte drittens noch die Darwin'sche These von der Höherentwicklung hinzu. Dieses Konglomerat (sehr weltlich und doch auch sehr religiös, und oft dogmatisch geglaubt) wurde zur herrschenden Religion der Moderne. Damals setzte sich auch die Gleichung "Immerwährende Verbesserung des Lebensstandards = Demokratie" fest. Sie ist nicht wirklich zwingend, bis heute aber Gemeingut. Seit dem 19. Jahrhundert ist dann noch die schöne Vermutung hinzu gekommen, die Expansion der Wirtschaft würde nicht nur Wohlstandswachstum, sondern auch geistige und sittliche Höherentwicklung bewirken. Diese Verknüpfungen versüßten den Kapitalismus sehr. Selbst Karl Marx und Friedrich Engels fiel es durchaus nicht ein, eine Alternative zur Wachstumsideologie zu schaffen. Soviel sie auch sonst gegen Kapitalismus und gegen jedwede Religion vorzubringen wussten - der Wachstumsreligion des Kapitalismus waren auch sie verfallen; und sie übernahmen sie für ihren Weg zum Kommunismus. - Noch im Bundestagswahlkampf 2005 war das "pro Wachstum" das Credo aller Parteien - von der PDS über die Grünen bis zur FDP. Eigentlich gab und gibt es nur einen einzigen bundespolitisch nennenswerten Politiker, der das Thema "Schrumpfen" wichtig nimmt: Matthias Platzeck (Potsdam). Wenn er in die Uckermark, die Lausitz oder die Prignitz schaut, kann er auch gar nicht anders. Ich denke nur an seinen Aufsatz "Glücklich schrumpfen?" (in Heft 27 von "perspektive 21" und Heft 6 der "Berliner Republik", beide von 2005). Bundesweit zu hören ist seine Stimme jedoch nicht.

Längst ist die Wachstumsweisheit keine Weisheit mehr. Man kann hier und heute "geschichtliche Entwicklung" nicht mehr mit "Aufwärts" und "Mehr" gleichsetzen. Und wer glaubt noch ernsthaft, dass wirtschaftliche Expansion ein Aufwärts für die Moral bewirkt?

> Städte schrumpfen. Selbst ein Wachstumskern wie Leipzig ist heute zugleich eine Schrumpfungsregion. In den 18 Jahren nach dem DDR-Ende schrumpfte deren Einwohnerzahl um 18 Prozent. In Landschaften wie der Uckermark, der Prignitz, der Lausitz ist der Prozent-satz mehr als doppelt so hoch. Dort findet Entleerung und Verödung in großem Ausmaß statt - und zwar (anders als etwa in Leipzig) ohne den Trost irgendeines Expandierens in anderen Hinsichten. Peripherisierung aber hier wie dort. Manche Orte verschwinden sogar völlig.

> Es werden kaum noch Kinder zur Welt gebracht. Eine Generation schrumpft, noch ehe sie geboren wurde. Bis 2050 wird die deutsche Bevölkerung um etwa 17 Prozent (gegenüber 2006) geschrumpft sein, in den östlichen Bundesländern gar um 30 Prozent. Dann wird nur noch jede(r) achte Deutsche ein Kind sein. Kinder dann: eine exotische Randgruppe.

> Zugleich wächst die Zahl derer, die physisch schrumpfen und schrumpeln und schließlich verschwinden: die Zahl der Alten. Die vielen Armen unter ihnen lassen durch ihre meist karge Lebensweise den Konsum und die Mobilität eindrucksvoll zurückgehen. Freilich sind heute, im ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende, die demographischen Probleme noch gar nicht extrem. Man kann ihren Höhepunkt / Tiefpunkt aber ganz gut vorhersagen.

> Der Gesellschaft geht die Berufsarbeit aus. Wer nicht ganz arbeitslos wird und bleibt, rutscht in prekäre und befristete Anstellungsverhältnisse. 2006 hatten nur noch 56 Prozent der abhängig Beschäftigten ein unbefristetes Ganztags-Arbeitsverhältnis mit ordentlichen Tarifen. Dauerhafte Betriebszugehörigkeit wird allmählich zur Ausnahme. Der erste Arbeitsmarkt wird zum zweiten...

> Vereinzelt und phasenweise findet zwar in Deutschland wirtschaftlicher Aufschwung noch statt, dieser wirkt sich aber nicht mehr nachhaltig positiv auf die Arbeitsplätze oder gar auf die ganze Gesellschaft aus. Je stärker vielmehr die Wirtschaft boomt, desto mehr Billig- und Leiharbeits-Jobs entstehen. Zugleich führt wirtschaftliche Expansion zur weiteren Steigerung des CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre, verschlimmert also die schlimmen Klimaveränderungen. Ansonsten steckt die Wirtschaft ihre Energie in die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Polen oder der Mongolei, oder in Börsenspekulationen und in Kursgewinne der Aktionäre sowie in weitere technische Innovationen. Letztere führen ihrerseits zum Abbau von Arbeitsplätzen. Das ist wohl das härteste Schrumpfen; und es folgt einer Logik, die schneidend scharf ist.

> Was hinzukommt und zum zentralen Faktor wird, ist die Aufhebung des Wirtschaftswachstums durch ökologische Großprobleme: die extreme Verknappung der Ressourcen und gleichzeitig die Klimakatastrophe. Beides sind zwei Seiten derselben Medaille: Folgen der wirtschaftlichen Expansion, die mithilfe riesiger Rohstoffverbräuche erreicht wird. Beispiel Erdöl: Gegenwärtig werden täglich etwa 84 Millionen Barrel Erdöl gefördert, etwa dreimal so viel wie 1890 jährlich! Und der Bedarf ist steigend; doch die Verfügbarkeit nimmt ab. Bei jetzigem Verbrauch werden sämtliche Vorräte in 50 Jahren restlos aufgebraucht sein. Aber schon jetzt werden grässliche Kriege um Erdöl geführt. Und ab etwa 2015 wird die steigende Nachfrage nach Öl nicht mehr gedeckt werden können. Es drohen weitere Kriege und höhere Preise. Beim Erdgas wird bald nach 2050 das gleiche eintreten. Für die wirtschaftliche Expansion bisherigen Stils ist das nichts anderes als: das Ende. Aber zweitens kommt eben die Klimakatastrophe hinzu. Sie würde, sagt Sir Nicholas Stern 2006, materielle Werte in Höhe von knapp sieben Billionen US-Dollar weltweit vernichten und das globale Bruttosozialprodukt um (schätzungsweise) fünf bis 20 Prozent verringern. Wenn man hingegen die Katastrophe effektiv bekämpfen würde, müsste man dafür weltweit etwa ein Zehntel dieser Summe zusätzlich ausgeben - für Deutschland wären das knapp zwei Milliarden Euro jährlich - und das 30 Jahre lang. Andere kompetente Rechner sprechen allein für Deutschland allerdings von mehr als zehn Milliarden Euro Mehrausgaben jährlich. Aufwendungen dieses Ausmaßes könnten die Welt retten, würden aber das (bisherige) materielle Wohlstandsniveau schon heftig senken. Zusammen mit den Verteuerungen der extrem knappen Ressourcen würden sie die heutige Form von kapitalistischer Wirtschaft und westlicher Gesellschaft ganz grundsätzlich und revolutionär verändern.

> Seit Mitte der 90er Jahre sinkt in Deutschland der Lebensstandard. Das hatte im Westen schon vor der Vereinigung begonnen, wurde aber danach in ganz Deutschland immer erkennbarer. Jetzt verarmt die wohlhabend gewordene Mittelschicht. Heute sind elf (andere sagen: 15) Millionen Menschen in Deutschland arm und von Armut bedroht; 2050 werden 40 Millionen Menschen in Deutschland eine Randexistenz führen. Durch Anstrengungen gegen die Klimakatastrophe werden in allernächster Zeit weitere Einschränkungen auf uns zukommen. Allein die staatlichen Maßnahmen werden jeden Einwohner Deutschlands mit zusätzlich etwa 200 Euro pro Jahr belasten. Preiserhöhungen, etwa von Benzin, gehören noch nicht einmal dazu, sie sind ja keine staatliche Maßnahme.

> Dabei ist die ökonomische Armut nur das eine, die soziale Deklassierung aber das andere. Das dritte aber, die eigene Hoffnungslosigkeit ist wohl am schlimmsten. Wie ein Hohn kommt noch hinzu, dass die öffentliche Meinung den Abgerutschten (und sich selbst) vorgaukelt, es gäbe durchaus Chancen für alle; sie müssten sich nur anstrengen und diese ergreifen. Oder (die linke Variante) man müsste den internationalen Kapitalismus zwingen, allen Menschen diese Chancen zu geben. Mit solchen Mottos fördert man aber nur den Selbstzweifel und die Verzweiflung der Abgehängten, denn man hindert sie, die Situation klar wahrzunehmen.

> Die Staatseinnahmen gehen (außer in Ausnahmejahren) zurück; und das macht den Staat selbst schwächer und hilfloser. Außerdem hat er sich in irrsinnigen Höhen verschuldet, sich also abhängig von superreichen privaten Geldgebern gemacht und damit in der Konsequenz zusätzlich lahm gelegt. Selbst in wirtschaftlich sehr guten Jahren schafft er es nicht, seine Neuverschuldung auf Null zu fahren.

> Die Wahlbeteiligung sinkt, schrumpft permanent und penetrant - das schwächt den Staat zusätzlich. Die demokratische Grundhaltung und Grundhandlung ist nicht mehr mehrheitsfähig. Das Interesse an Politik wird zum Hobby einer Minderheit und erleidet das Schicksal, das die Religiosität seit 150 Jahren erleidet. Zudem schwindet auch bei den wenigen Wählern die Bindung an eine bestimmte Partei. Das macht das demokratische System abermals instabil. Hinter dem Sich-abwenden der Wähler steckt sehr viel Desillusion.

> Der Nationalstaat wird zur Randerscheinung einer global agierenden Wirtschaft und zu deren Bittsteller. Was W. I. Lenin einst über den "sterbenden Staat" phantasierte, wird nun, ganz ohne Lenin, Realität. "Bröckelnder Staat" wäre allerdings passender. Paradoxerweise versteht sich gerade dieser bröckelnde Staat als Agent des wirtschaftlichen Expandierens, ist also blind für seine eigene Situation und Gefährdung.

> Man muss kein Kulturkritiker sein, um die Aushöhlung ethischer Werte zu konstatieren - und ebenso das Verschwinden verbindlicher Verhaltensnormen und von Bildungssubstanz. Was man einmal stolz "Deutsche Leitkultur" genannt hat, schrumpft und schwindet. In Deutschland herrscht eine heftige "Bildungsarmut": zehn Prozent der deutschen Schüler sind funktionale Analphabeten, ebenso vier Millionen Erwachsene. In Ostdeutschland haben mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen keinen Berufsschulabschluss. Zwischen 30 und 70 Prozent (je nach Bundesland) der deutschen Real- und Hauptschulen gelten bereits als "unbeschulbar". Nicht weniger kennzeichnend ist eine Verhaltensarmut und die Unkenntnis ganz schlichter Benimm-Regeln - auch in Mittel- und Oberschicht. Oft sind Vorstellungen von Höflichkeit verschwunden oder gelten als deplaciert oder uncool. Im Alltagsleben ziemlich auffällig ist das Verschwinden von Rücksichtnahme, von Entgegenkommen, dem-anderen-den-Vortritt-lassen, also das Abhandenkommen all der kleinen Elemente von Fairness und Solidarität.

> In dieser Gesellschaft des Verrandens gehen schon ganz lange der Einfluss und die Mitgliederzahl der Kirchen zurück. Von 1950 bis 2000 verringerte die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher sich um drei Viertel. Inzwischen wird in Deutschland jedes dritte Kirchengebäude für das christliche Gemeindeleben nicht mehr benötigt. Und auch in den Kirchengemeinden selbst, bei den verbliebenen Christen, herrschen Ungewissheit des Glaubens, Orientierungslosigkeit und eine eher diffuse, nur zaghafte Hoffung. Im Lichte der vielen neueren Schrumpfungen, des vielfältigen Schwindens und Bröckelns muss der Zusammenhang zwischen kirchlich-religiösem und wirtschaftlich-sozialem Schrumpfen ganz neu gewertet werden: Langezeit meinte man, ersteres sei das Produkt des letzteren. Also das Alte, Reaktionäre müsse endlich dem Neuen, dem Fortschritt weichen. Nun aber stellt sich heraus: Das kirchlich-religiöse Schrumpfen war nur der Vorläufer des sozialen, des staatlichen und des wirtschaftlichen!

> Auf die Peripherisierung, ja den Zusammenbruch der Kirchen folgten die gleichen Erscheinungen bei den Gewerkschaften. Die Menschen vergaßen die Solidarität innerhalb der Klasse, und die Klasse selbst löste sich auf. So verlieren die Gewerkschaften kontinuierlich Mitglieder. Sie haben die Etablierung der "Klasse" der (Dauer-)Arbeitslosen verschlafen. Sie sind zwar noch Kämpfer für mehr Lohn und mehr soziale Absicherung - aber für immer weniger Menschen mit festem Job. Dadurch entwickelten sie sich fast zu Feinden der Arbeitslosen, zumindest aber (für diese) zu Fremden. Auf deren neue Fragen haben sie keine neuen Antworten gefunden. Um ein brennendes Thema wie "neue Formen von Arbeit" kümmerten sie sich nicht.

Die vielen Schrumpfungen sind von unterschiedlicher Art, hängen aber vielfach zusammen. Die "harten" unter ihnen erkennt man an Wirtschaftszahlen, an leer stehenden Häusern, an den Meldungen über Arbeitsplätzeabbau, an Geburtenzahlen. Wenn "Schrumpfung" überhaupt thematisiert wird, wird über deren harte Elemente noch am ehesten gesprochen. "Weich" sind ethisches und religiöses Schrumpfen oder das Zerbröseln von sozialen Bindungen und kulturellen Selbstverständlichkeiten. Und beide Arten kommen zusammen und schaukeln sich hoch - nein: rutschen gemeinsam abwärts. Weil der Arbeitsplatz dauerhaft fehlt, bricht das Selbstbewusstsein zusammen, und daher macht man beim Bewerbungsgespräch Fehler. Weil kaum noch Kinder geboren werden, kann Sozialität in der Familie nicht mehr eingeübt werden; weil Theater aus Geldnot schließen müssen oder Bibliotheken kaum noch neue Bücher kaufen können, können Lebensmodelle und Konfliktlösungen nicht mehr auf der Bühne vorgespielt oder beim Lesen aufgenommen werden. Oder: wenn Rücksichtnahme schon gegenüber Nachbarn oder Straßenpassanten so unüblich geworden ist - wie soll sie dann gegenüber bedrohten afrikanischen Tierarten oder gegenüber den noch ungeborenen Nachkommen geübt werden?

Möglicherweise kann jemand zeigen, dass jede der hier aufgezeigten Schrumpfungen noch aufhaltbar oder umkehrbar ist - von der Geburtenrate über die Wahlbeteiligung und die Bildungsarmut bis zum Bröckeln der Ethik. Aber wir haben da ja ein Knäuel von Erscheinungen vor uns, das ist längst ein Ganzes. Das kann man gar nicht mehr entwirren. Man kann nicht mehr eines herausnehmen und kurieren. Vielmehr scheinen die einzelnen "Fäden" des Knäuels sich gegenseitig zu stärken und stabilisieren. So dass selbst die korrigierbaren Teil-Schrumpfungen nicht mehr zu beheben, nicht mehr umzukehren sind.

Völlig zur kurz kommt in der anfangenden Schrumpfungs-Diskussion das ökologische Schrumpfen. Das ist schlecht; denn das Aussterben von Arten, das Knapperwerden von Bodenschätzen, insbesondere des Erdöls und des Wassers, und das Verschwinden heiler Landschaften, das Abnehmen der Klimastabilität und das Schmelzen der Polkappen muss hier unbedingt berücksichtigt werden. Denn Wirtschafts-, Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum sind gerade die Hauptverursacher der Umweltkrise, indem sie sich hemmungslos der Natur bedienen. Von daher muss doch unbedingt berücksichtigt werden, dass genau diese Expansionen gerade im Nordwesten der Welt nun zu Stagnationen und Kollapsen führen!. Die Art von Wachstum, richtiger: von Expansion, welche die Krise ausgelöst hat, wird nun ihr eigenes Opfer. Und das, obwohl bereits 1972, also vor einer Menschengeneration, die klugen Köpfe des "Club of Rome" die Einsicht weltweit propagiert hatten, dass wir nur noch durch eine freiwillige Begrenzung des Wachstums die Katastrophe der Ökosysteme - und damit die Katastrophe der Gesellschaft - würden verhindern können. Und jetzt überkommt uns tatsächlich genau das. Das ist ganz irre: Gemeint war 1972 ein Wachstumsende als Strategie zur Verhinderung der Katastrophe, nun aber kommt es als diese Katastrophe.

An den Rändern der Gesellschaft bröckelt nicht nur der Putz, sondern dort zeigt sich, dass das Fundament eben dieser Gesellschaft birst. Es entsteht soziale Brache, richtiger gesagt: vom Sozialstaat findet man nur noch den Abfall und die Ruinen der Gesellschaft. Diese Ränder bestehen zum einen aus konkreten Regionen, Gebieten wie der Uckermark, der Lausitz, dem Kyffhäuser-Kreis, dem Mansfelder Land, dem Kreis Holzminden oder von Teilen des Saarlands - oft am geographischen Rand der Republik. Aber sie finden sich auch mittendrin, etwa in den Altstädten oder in solchen Neubaugebieten, die in den siebziger Jahren entstanden waren. Die neuen Wohlhabenden sind aus ihnen in die suburbanen Reihenhaussiedlungen gezogen; jetzt lebt in den Altstädten die "A-Fraktion": Alte, Arme, Alleinerziehende, Abgeschriebene, Ausgegrenzte, Ausländer, Absteiger, Analphabeten, Alkoholiker; generell: Abgehängte und Aussenstehende. Und auch solche, die ihr neues Reihenhaus nicht mehr abzahlen konnten und nun zurückkehren. Wieder anders geartete Ränder befinden sich mitten in der Gesellschaft: etwa die Hauptschulen in den großen Städten, dort wo die Gesellschaft ahnungslos, widerwillig und ziellos ihre überflüssigen Kinder "ausbildet", die das ihrerseits widerwillig über sich ergehen lassen, ahnungslos, was diese Gesellschaft von ihnen will und was sie ihrerseits in dieser Gesellschaft wollen sollen.

Hinausgedrückt werden an den Rand: das ist eine völlig neue Erfahrung, die Erfahrung eines bis jetzt unmöglichen Trends. Dagegen wehrt man sich, schon in Gedanken, mit aller Kraft. Dabei "hilft" die Illusion: es gebe nur eine vorübergehende Wachstumsdelle (und dann wieder eine, und wieder eine, aber immer nur eine vereinzelte Delle), und dann werde weiter gewachsen. Ernsthaft umdenken müsse man also nicht. Eine andere Illusion ist die, dass Ökologie und Wachstum verbunden werden und so noch große Wohlstandssteigerungen erreicht werden. Und beim Sport, wo vielfach das Maximum der menschlichen Leistungsfähigkeit längst erreicht ist, glaubt man noch immer an das alte "Schneller - höher - weiter". Gerade dort versucht man durch Überchemisierung, Übertechnisierung, genetische Manipulation oder einfach durch Bestechung der Schiedsrichter oder Doping-Kontrolleure diese Fiktion immer noch aufrecht zu erhalten. D. h. man lügt sich selbst an.

Aber das sind nur noch Gegenreaktionen gegen das unaufhaltsame Sterben der Wachstumsreligion. Ein Nicht-wahr-haben-wollen, dass die Voraussetzungen für sie längst weggebrochen sind.

© Hans-Peter Gensichen