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Ein gemeinsamer Wohlstand

Ohne den Blick auf den armen Süden der Welt kann der Nordwesten sein Schrumpfen, Verranden und Verarmen nicht wirklich einordnen und nicht angemessen behandeln. Nützlich für diesen Blick sind weltweit vergleichende Untersuchungen über den Zusammenhang von Glück / Zufriedenheit mit dem Bruttoinlandsprodukt, mit Bildung und Gesundheit sowie mit der Umweltfreundlichkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Es gibt solche Studien. Zwei von ihnen messen weltweit Glück bzw. Zufriedenheit. Das sind The World Map of Happiness von Adrian White und der World Values Survey. Mehr dazu in der Internet-Enzyklopädie "Wikipedia" unter "World Values Survey". Eine andere Messung führt zum Index der Menschlichen Entwicklung. Bei dieser kombiniert man Brutto-Inlandsprodukt, Schulbildung und Gesundheitsversorgung. Mehr dazu wieder bei de.wikipedia.org unter "Human Development Index". Beim Ökologischen Fußabdruck schließlich werden der Umweltverbrauch und die Umweltverschmutzung eines Landes gemessen und umgerechnet auf die Landfläche, die (nach einem bestimmten Schlüssel) nötig wäre, um diesen Verbrauch realisieren zu können. Der Ökologische Fußabdruck sagt, wie zukunftsfähig die untersuchten Länder wirtschaften, wie nachhaltig und umweltgerecht ihre Politik und Wirtschaft sind.

Dabei zeigt sich: Die Venezolaner (ich beschränke mich hier auf Beispiele) rangieren, was Glück und Zufriedenheit betrifft, weltweit sehr weit oben auf Platz 25, noch über den Deutschen (Platz 35). 75 Prozent der Venezolaner bezeichneten sich 2006 als glücklich und 20 weitere Prozent als halbwegs glücklich. Und das, obwohl ein Drittel der Venezolaner zu den (nach dortigen niedrigen Maßstäben) Armen gehören! Nur ein Zwanzigstel der Menschen dort konstatiert klar ein Unglücklichsein. Das ist ein geringerer Anteil als in Deutschland! Und dem Glück der Menschen entspricht in Lateinamerika das Glück der Natur: Der Verbrauch an natürlichen Ressourcen und deren Verschmutzung (der "Ökologische Fußabdruck") ist in Venezuela nur halb so hoch wie in Deutschland. Und beim Index der Menschlichen Entwicklung gehört Venezuela immerhin zu den Staaten mit einem mittleren, also erträglichen Niveau der Menschlichen Entwicklung. Deutschland nimmt bei der Menschlichen Entwicklung zwar einen besseren Platz ein, müsste aber mit seinem superhohen Brutto-Inlandsprodukt und enormen Ökologischen Fußabdruck eigentlich noch weiter oben stehen.
Bei anderen Lateinamerikanern sieht das ganz ähnlich aus: etwa in Costa Rica, der Dominikanischen Republik oder Jamaika.

Eine bemerkenswert glückliche lateinamerikanische Bevölkerung hat Kuba. Dort ist das Wohlstandsgefälle von allen (!) lateinamerikanischen Ländern am geringsten und sind die sozialen Netze am ausgebreitetsten. Beim "Welthunger-Index" steht Kuba gut da: es ist 111 Plätze vom Schlußlicht entfernt. Der Index der Humanen Entwicklung sieht Kuba auf einen achtbaren 52. Platz - es gehört somit zu den hochentwickelten Ländern. Und das bei einem extrem geringen Bruttoinlandsprodukt und einem super-optimalen Ökologischen Fußabdruck. (Kuba ist das Land mit einer überdurchschnittlich weit verbreiteten Ökologischen Landwirtschaft, die ähnliche Strukturen aufweist wie die Öffentlichen Gärten in den USA; also einer "Ökologie der Armen" mit "Bio ohne Bio-Siegel").

In Europa freilich sind Zufriedenheit und Glück in der Vergangenheit durch ein maximiertes Bruttoinlandsprodukt und hohen Umweltverbrauch erzeugt worden. Das erkennt man nicht nur an glücklichen Ländern mit hohem BIP wie Dänemark, Finnland, Schweiz oder Island (die sind etwa so glücklich wie Kolumbien oder Venezuela, welche das gleiche Glücksniveau mit einem Fünfzehntel des BIP halten), sondern auch bei den weniger glücklichen wie Polen, Litauen, Ungarn mit viel niedrigerem BIP.
Inzwischen weiß man: Die einseitige Orientierung der Europäer / Nordamerikaner am Bruttoinlandsprodukt ist also der falsche Weg. Das hat der britische Wirtschaftswissenschaftler Richard Layard 2005 in seinem Buch "Die Glückliche Gesellschaft" eindringlich gezeigt. Layard fordert daher, die Erlangung von Glück höher und die Zunahme von Waren geringer zu bewerten. Und der Ökonom und Philosoph Serge Latouche vertritt die Überzeugung, dass für den Norden und Westen der Welt Wachstumsrücknahme zwingend sei. Erstens aus ökologischen Gründen, zweitens um dem Süden Chancen für die eigene Entwicklung einzuräumen. Das schreibt er in seinem Buch "Survivre au developpement" (Überleben und Entwicklung"), Paris 2004.

Wachstumsrücknahme und Wohlstandsrücknahme - das sind Elemente einer globalen Annäherung der humanen Entwicklungsniveaus und der Umweltverbräuche zwischen Nord und Süd.
Um eine halbwegs realistische Zielmarke für eine solche Annäherung zu bekommen, blicke ich wieder auf Lateinamerika, und zwar auf ein Land mit sozialstaatlichen Ambitionen: Chile. In Chile ist die Arm-Reich-Spaltung viel weniger krass als in Brasilien, und laut Korruptions-Index von Transparency International gibt es nirgends in Südamerika so wenig Korruption wie in Chile. Chile steht beim Korruptions-Index ganz in der Nähe von Belgien; nur sechs Plätze unter Deutschland. Schließlich: Der Index der Humanen Entwicklung sieht Chile als ein "hochentwickeltes Land" - 31 Positionen vor (=über) dem "Aufsteigerland" Brasilien und mit einem um die Hälfte höheren BIP von 8.800$ pro Kopf. Chile ist also für uns Europäer ähnlicher als Brasilien oder Uruguay oder auch als Venezuela oder Cuba. Chiles Ökologischer Fußabdruck ist nur wenig höher als in Venezuela, jedoch halb so hoch wie in Großbritannien oder der Schweiz. Und: Die Chilenen sind zwar etwas weniger glücklich als Venezolaner oder Costaricaner, sie gehören aber immer noch zu den "ziemlich glücklichen" Bevölkerungen der Welt - etwa wie Griechen oder Portugiesen.
Das europäische Land allerdings, dem Chile am meisten ähnelt, ist Slowenien. Slowenien kann, glaube ich, ein Modell für die Annäherung der globalen Entwicklungsniveaus sein kann, eine Art europäische Brücke nach Chile. Beim HDI und beim Glücksindex stehen beide dicht nebeneinander. Im europäischen Vergleich liegt das slowenische BIP (18.000 $ pro Kopf) genau (a) zwischen den west- und den osteuropäischen Werten und (b) zwischen dem westeuropäischen und dem lateinamerikanischen Schnitt. Der Korruptions-Index von Transparency International zeigt Slowenien dicht neben Spanien oder Portugal. Nirgends in Osteuropa gibt es so wenig Korruption wie in Slowenien. Und das Land erlebt seit 1991 eine Entwicklung ohne allzu scharfe Reich-Arm-Aufspaltung.

Ulrich Beck hat 1999 erstmals in Deutschland von der "Brasilianisierung des Westens" gesprochen (in seinem Buch "Schöne neue Arbeitswelt"): Im Westen würden im Lauf der neoliberalen Globalisierung brasilianische Verhältnisse entstehen. Beck meint die Vielfalt, Unsicherheit und Unübersichtlichkeit von Arbeits-, Biographie- und Lebensformen wie in Südamerika. Für die Mittelschichten des Nordwestens sinke dadurch der Lebensstandard ab und der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößere sich. - Neuerdings hat Franz Josef Radermacher denselben Begriff verwendet. Brasilianisierung ist für ihn, wie für Beck, negativ, ein Alarmbegriff. Allerdings füllt Radermacher ihn anders: Er meint eine Diktatur derer, die die natürlichen Ressourcen besitzen bzw. in ihren Besitz gebracht haben. Deren Diktatur werde ein extremes Arm-Reich-Auseinanderklaffen erzeugen, und zwar sowohl im Süden wie im Nordwesten wie auch zwischen Nord und Süd. (Das Aufziehen der Armut in Europa sehen also sowohl Beck als auch Radermacher.)
Beck wie Radermacher fürchten die Brasilianisierung und empfehlen einen anderen Weg. Auch ich, als Europäer des gehobenen Mittelstands, kann zunächst einmal diese Zukunft nicht mögen. Aber ich sehe auch, dass sie (a) schon mitten im Gang und nicht mehr zu verhindern ist, (b) dass sie zu einem Stück Gerechtigkeit zwischen Süd und Nord beitragen kann und dass sie (c) beeinflussbar ist. Für die nördliche Expansions- und Wohlstandsreligion ist sie zunächst ein Desaster; aber als Desaster muss sie nicht enden. Sie kann humanisiert und sozialisiert werden und so ein Stück ihrer Scheußlichkeit verlieren. Der Alarmbegriff "Brasilianisierung" kann insofern durchaus positiv aufgegriffen werden. Z. B. wird Europa immer durch seine sozialen Elemente, seine Errungenschaften seit dem 19. Jahrhundert, geprägt bleiben. In dem Text "Wert und Würde - ohne Berufsarbeit" wurde schon gesagt, dass durch ein bedingungsloses Grundeinkommen der Prozess der Niveau-Absenkung wesentlich angstfreier und sanfter gestaltet werden kann. Das ist viel.

Von den Lateinamerikanern können wir lernen, aus welchen Elementen sich in ökonomisch ärmeren Gesellschaften das Glück bzw. die Zufriedenheit zusammensetzt. Das sind Werte, die wir aufgreifen oder rekonstruieren müssen: Die enorme Gastfreundschaft. Der Stolz auf die eigene Familie. Die Familie als Netz, das auch den Gescheiterten auffängt. Die Verbundenheit mit der Landschaft. Die Hilfsbereitschaft zwischen Nachbarn, aber gerade auch gegenüber Fremden in Not. Das Feiern von Festen. Die Wertschätzung eigener Traditionen.
Am ehesten können Rekonstruktionen verlorener Werte unter dem Druck des Mangels, in verrandeten Regionen, in einer "Barfuß-Ökonomie" der Armen gelingen. Wenn die verrandeten Deutschen nicht, wie jetzt noch oft, Migranten als Konkurrenten sehen, können gerade letztere durch ihre Lebensweise den Deutschen verloren gegangene Gewißheiten vermitteln. Ganz wesentlich ist sicher dies: dass die Familie zum Helfen, zum Füreinander-einstehen da ist. "Integrationskurse" also nicht für Ausländer, sondern von ihnen - für Deutsche! Ehen zwischen Deutschen und Einwanderern aus dem Süden können ein "Lernen vom Süden" fördern.

Serge Latouche hat auf die andere Rationalität des Wirtschaftens im Süden hingewiesen (in seinem Buch "Die Unvernunft der ökonomischen Vernunft" von 2004). Im Süden der Welt ist die ursprüngliche lokale Wirtschaft für die Freunde, die Familie, die Verwandten und die Stammesmitglieder da. Sie dient nicht der Akkumulation des Kapitals, sondern der Pflege von sozialen Netzwerken. Die Ökonomie löst sich dort nicht von der Gesellschaft ab und will sie nicht beherrschen, sondern sie ist ein Teil von ihr. Mit dieser Einbindung des Ökonomischen hängen die hohen Glücks- und Zufriedenheitswerte im Süden zusammen .
Also "Brasilianisierung" als Chance. Als Chance gerade in den Randregionen, aus denen sich sowohl der Staat wie auch die Wirtschaft desinteressiert zurückgezogen haben. Dort, in der "Zivilisation des Randes", kann das Wirtschaften wieder eingebettet werden in die sozialen Netzwerke, die dort neu entstehen.
Das können Motivationen für ein "Sich unten einrichten" sein. Aber ob das schon reicht? Ob aus einem widerwilligen Abgehängtwerden ein gelingendes Loslassen werden kann? Ob aus dem Fallen ein Gehen werden kann?

© Hans-Peter Gensichen