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Das Ende des Kapitalismus

Der Gesellschaftswissenschaftler Wim Dierckxsens beschreibt und begründet das Ende des Systems Kapitalismus so:
Erstens: Seit den frühen 80er Jahren werde immer mehr auf das Wachstum des internationalen finanziellen Kapitals hingearbeitet. Nicht mehr nach Wirtschaftswachstum, sondern nach der Aneignung von Märkten und Einkünften strebten die transnationalen Konzerne. Die erzeuge den Gewinn; aber von dieser Art Gewinn habe die Gesellschaft immer weniger. Schließlich hebele ein solches Wachstum sich selbst aus; denn in einer Gesellschaft, die nicht mehr am Wirtschaftswachstum partizipiere, werde weniger nach Produkten und Dienstleistungen gefragt. Das zerstöre den Markt.
Zweitens berge die Art, wie heute global mit Finanzmengen spekuliert werde, große Risiken in sich: Aktien, die überbewertet würden, hochspekulative Fonds, Zahlungen, die nicht real abgedeckt seien - Blasen, die irgendwann platzten. Der globalisierte Finanzmarkt sei zu einem Kartenhaus geworden, das bei einem Zusammenbruch sogleich die ganze Weltwirtschaft mit umreißen könne: den Aktienmarkt, die Konjunktur, die Welt der Investitionen, Gewinne und Arbeitsplätze. Ein anderer Kritiker, James Turk, prangert besonders die ungeheuer vielen Kredite an, die zum einen oft ungedeckt seien und zum andern einen Wohlstand geschaffen hätten, der nie wirklich erarbeitet worden sei. Ein Kollaps sei hier unvermeidbar.
Drittens sagt Dierckxsens: Die Globalisierung lasse keine räumlich begrenzten Krisen (regionale Rezessionen) mehr zu. Wenn eine Rezession komme, bedecke sie die ganze Erdde; ein regionales Ausweichen (wie bisher immer) sei nicht mehr möglich. Die Rezession im Dritten Jahrtausend werde wirklich eine Weltkrise von bisher unbekanntem Ausmaß sein. "Die auf wirtschaftlichem Wachstum basierende Kapitalakkumulation kommt völlig zum Stillstand. Die auf der Konzentration von Reichtum basierende Akkumulation stößt auf unübersehbare Hindernisse. Die wirtschaftliche Rezession geht mit einer Krise des transnationalen und finanziellen Kapitals einher" (Dierckxsens in: concilium, 40, 2004, 5, 507-519).
Viertens zeigt Dierckxsens: Die Lebenszeit technischer Güter und Verfahren werde ständig verkürzt. Das entspreche der Logik der Wachstumsankurbelung, schwäche aber gerade das Wirtschaftswachstum. Denn, erklärt Dierckxsens: Technische Innovationen seien bereits dabei, unzweckmäßig zu werden, weil die Anschaffung der neuesten Technik (Neuanschaffung in immer kürzeren Abständen) immer mehr und immer häufiger Geld koste. Um diesem Dilemma zu entkommen, würden Arbeiter entlassen oder schlechter als bisher bezahlt - obwohl nicht sie es seien, die zur negativen Rentabilität beitrügen, sondern die verkürzte Lebensdauer der schnelllebigen Technologien.

Das bevorstehende Ende mit des globalisierten Kapitalismus hängt eng mit globalen ökologischen Problemen zusammen: der extremen Verknappung der Ressourcen und (gleichzeitig) der Klimakatastrophe. Beide sind zwei Seiten einer Medaille: Folgen der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des Kapitalismus, die nur mithilfe riesiger Rohstoffverbräuche erreicht werden konnte. Beispiel Erdöl: Gegenwärtig werden täglich etwa 84 Millionen Barrel Erdöl gefördert, etwa dreimal so viel wie 1890 jährlich! Und der Bedarf steigt dramatisch; doch die Verfügbarkeit nimmt ebenso dramatisch ab. Bei jetzigem Verbrauch werden sämtliche Vorräte in 50 Jahren restlos aufgebraucht sein. Aber schon jetzt werden furchtbare Kriege um Erdöl geführt. Schon ab etwa 2015 wird die steigende Nachfrage nach Öl nicht mehr gedeckt werden können. Es drohen weitere Kriege und höhere Preise. (Während des Irak-Krieges seit 2002, der nur wegen Öl geführt wurde, stieg der Ölpreis um das Dreifache! Mit anderen Worten: Kriege um Öl sichern nicht die Ölquellen - für niemanden tun sie das -, sondern sie verteuern nur das Öl.) Beim Erdgas wird wenig später das gleiche eintreten. Für alles, was man bisher als "Kapitalismus" bezeichnet hat, bedeutet das nur eins: das Ende.

Aber zur Ressourcenverknappung kommt die Klimakatastrophe als großer Problemverstärker noch hinzu. Zum einen zeugt allein schon das Stattfinden des Klimawandels deutlich vom Versagen der "Marktwirtschaft": Ein "Markt", der das nicht rechtzeitig gemerkt hat, ist kein Markt für das 21. Jahrhundert. Aber in einem noch viel handgreiflicheren Sinne stellt die Klimakrise den Kapitalismus grundsätzlich in Frage: Ende 2006 hat Sir Nicholas Stern berechnet, was passiert, wenn weiter so wenig gegen den Klimawandel getan wird wie gegenwärtig: Weltweite Schäden von knapp 7 Billionen US-Dollar, 200 Millionen Flüchtlinge aus unbewohnbar gewordenen Gebieten, ein Rückgang des weltweiten Bruttosozialprodukts um 20 Prozent. Das ist zweifellos das Ende all dessen, was man bisher "Kapitalismus" genannt hat. - Würde man sich aber entschließen, ernsthaft gegenzusteuern, so würde das (sagt Stern) für einige Jahrzehnte Zusatzkosten von jeweils etwa einem bis drei Prozent des jährlichen Bruttosozialprodukts auf der Erde kosten: Viel weniger als die Klimakatastrophe selbst, aber auch das wäre schon ein sehr heftiger Schlag. Für Deutschland werden unterschiedliche Zahlen angegeben. Der Umweltminister und sein Umweltbundesamt schwankten 2007 in ihren Aussagen zwischen "mehr als elf" und "weniger als vier" Milliarden Zusatzkosten jährlich. Beide aber sind sich einig, dass die Menschheit den Klimawandel in den nächsten zehn bis 20 Jahren gestoppt haben muss. Bis dahin müsste allein schon Deutschland zusätzlich (!) irgendetwas zwischen 70 und 240 Milliarden Euro dafür ausgeben. Zusätzlich! Diese Summe(n) werde(n) sich allerdings vervielfachen, wenn die Erdölpreise so hochschnellen, wie es die Erdölverknappung erzwingt. Von einem weiteren Faktor, der Forderung der armen Länder des Südens noch gar nicht zu reden, dass der Nordwesten die Klimaschutzsummen des Südens zahlen solle, da er ja (a) die Luftverschmutzung schon seit 100 Jahren betrieben und (b) seine antiökologischen Technologien in den Süden exportierte habe, welche die dortige Umweltverschmutzung erst produziert hätten. Wenn das zu all den anderen Faktoren noch hinzukommt, ist der Kapitalismus völlig erledigt und das europäische Wohlstandsniveau im tiefen Keller.

Mit dem Ende des Systems Kapitalismus geht die Krise der Kapitalisten und ihrer Nutznießer einher: Die Gewinner der Wachstumsgesellschaft werden prozentual immer weniger und immer reicher. Das ist ein Skandal - und der kann auch Teil der Lösung des Skandals sein. Etwa wenn 2050 die Hälfte der Bewohner Deutschlands zu den Abgeschriebenen und Randexistenzen gehören - und weitere 20 Prozent mit ständigem Armutsrisiko leben. Wenn also der vom Kapitalismus erzeugte Rand immer breiter wird und in die Mitte hineindrückt. Dann wird sich die Spannung zu den wenigen Schwerreichen extrem verstärken; sie wird ganz andere Ausmaße als jetzt annehmen. Das wird sich bis in den Städtebau hinein zeigen: abgeschirmte und bewachte Stadtviertel - die dann nur noch Stadt-Vierzigstel sein werden. Man spricht heute schon im Städtebau von "Fortifikation": vom Sich-Einmauern der Wohlhabenden in ihren Siedlungen. Diese leben dann wie Gefangene, und der arme "Rest" - die Mehrheit der Menschen - lebt in Armut und in Freiheit. Und die wenigen Reichen in ihren (wenn auch noblen) Ghettos! Zugleich wird die Berufsarbeit mit festen Anstellungsverhältnissen noch weiter abhanden kommen. Millionen und Abermillionen Menschen existieren dann mit prekären kleinen Arbeitsverhältnissen.
Für die Kapitalisten, ihre Manager und die anderen Reichen bedeutet das: Sie verlieren die fassbare Macht über die große Mehrheit. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war das noch anders: da hatte der Kapitalist diese Macht noch ganz direkt. Nun aber löst die alte, handgreifliche Form der Machtausübung sich auf. Kaum jemand muss sich dann noch konform verhalten, bloß mit Rücksicht auf seinen Arbeitsplatz oder in der Hoffnung, in der Mitte zu bleiben oder in die Mitte zurück zu kommen.
Wenn immer mehr Erfahrungen den Wachstumsglauben und das Wohlstandsversprechen immer unglaubwürdiger werden lassen, wird auch jene Attraktivität der Kapitalisten verblassen, die sich in dem Slogan "Vom Tellerwäscher zum Millionär" widerspiegelte. Man hasste (als "Tellerwäscher") zwar den reichen Ausbeuter, glaubte aber doch, reich wie er werden zu können. Bei allem Hass bewunderte man ihn also auch. Es bestand eine starke Bindung, jedenfalls in der Hoffnung - eine echte Hassliebe. Mit diesem " Akzeptanz plus Hass" ist es vorbei, wenn die Grenze zu scharf, der Abstand zu groß ist, um jemals wie ein Millionär werden zu können. Das wird den Kapitalisten sozialpsychologisch und machtpolitisch sehr schaden. Die Superreichen werden nun nur noch gehaßt werden und zu einer sozial beziehungslosen Sekte werden, zu Außenseitern der Gesellschaft.

Der breiter werdende gesellschaftliche Rand, die abgeschriebenen Regionen werden so sehr in die Mitte vordringen, dass sie politisch relevant werden werden. Es kann nicht sein, dass sich da nichts organisiert. Ein Partei der Armen ist wahrscheinlich. In Frankreich gibt es eine "Partei für Schrumpfung". Aber auch wirtschaftliche Alternativen werden überzeugender. Davon war schon im siebten Text die Rede. Chaotisches Neues und unprogrammatisch Entstehendes wird sich verbinden mit gedanklichen, konzeptionellen Alternativvorschlägen zum neoliberalen Kapitalismus / Imperialismus, die es längst gibt. Stichworte sind: Ökosoziale Marktwirtschaft, Regionale Wirtschaftskreisläufe, Solidarische Ökonomie, Weltsozialforen. 2006 ist wieder ein Buch in dieser Richtung erschienen: Reinhold Bianchi, Ulrich Duchrow, René Krüger, Vincenzo Petracca: "Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus. - Wege zu ihrer Überwindung". Auch andere Autoren mit anderen Ausgangspositionen machen konstruktive Vorschläge. So der amerikanische Volkswirtschaftler Joseph Stiglitz in seinem Buch "Chancen der Globalisierung" von 2006. Sein Rat lautet, die wirtschaftliche Globalisierung müsse durch eine politische ergänzt werden und die Entwicklungsländer müssten mehr integriert werden.

Die Umweltkatastrophen der Zukunft werden das Verschwinden des Kapitalismus zu einem ausgesprochen dramatischen Vorgang für alle machen; und die alte Marx'sche Vorstellung, dass es nach der Beseitigung des Kapitalismus besser für alle werden und jubelnde Sieger geben wird, wird sich wohl nicht erfüllen. Aus diesem Grund wird es gar keinen stolzen und heftigen Kampf gegen den Kapitalismus geben. Ich stelle mir eher ein stöhnendes Bemühen ums eigene Überleben, um das tägliche Brot und das Feuerholz für morgen vor - eine große Anstrengung mit krummem Rücken, die eine (wenn auch verdammt bescheidene) Alternative, ein ehrliches Gegenstück zum Kapitalismus hervorbringen wird. Und das ist viel.

© Hans-Peter Gensichen