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Kirche der Armen?

Die Verdrängung der Randexistenzen der Gesellschaft an den Rand der Kirche ( nun auch noch an deren Rand!) hat eine lange Geschichte. Ich werde das beispielhaft an zwei Bibeltexten darstellen: Die ursprüngliche Bedeutung von Aussagen wurde sekundär verändert und angepasst. Das zu bemerken und zu hinterfragen ist wichtig; denn man kann dann die Texte erneut - und wieder ganz ursprünglich - verstehen.
Paulus bittet einmal (im 2. Brief an die Korinther) die dortigen Christen um eine Geldsammlung für die Urgemeinde in Jerusalem. Er informiert die Korinther, dass schon die Christen in Mazedonien viel Geld für Jerusalem gesammelt haben. Der (griechische) Satz wird meist so übersetzt: "Sie haben in großer Freude trotz ihrer großen Armut reichlich und ganz von sich aus gegeben." Sieht man sich aber den griechischen Text an, so ist von einem "trotz" (trotz ihrer Armut) nichts zu sehen. Sondern die Übersetzer, die nicht mehr an die Potenzen der Armut glaubten, erzeugten erst dieses "trotz". Völlig korrekt kann man aber übersetzen: "Große Freude und große Armut kamen zusammen - und daraus wurde eine große Geldspende." Nicht trotz, sondern wegen der Armut, kann es dann heißen - oder auch in ihrer Armut. Schön drückt das auch eine andere, lyrischere Übersetzung des gleichen griechischen Textes aus: "Ihre Armut floss über in den Reichtum ihrer redlichen Güte."

Ein anderes markantes Beispiel für sekundär verändertes Verständnis findet man in Matthäus 11, 5. Dort fasst Jesus zusammen, was durch ihn Großartiges geschieht. Dabei spielt er auf eine alte Vision des Propheten Jesaja an: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, den Armen wird das Evangelium verkündigt..." So jedenfalls lautet die gängige Übersetzung des neutestamentlichen Satzes.
Aber wenn man den griechischen Text ansieht, kann man mit gutem Recht an deren Richtigkeit zweifeln. Viel spricht dafür, dass es am Ende heißen muss: "Arme verkündigen das Evangelium". Denn das griechische Wort für "Arme" steht dort im Nominativ: = "die Armen", nicht = "den Armen" (Dativ). Zweitens gibt es keinen zwingenden Grund, das Verb ("das Evangelium verkündigen") passivisch zu übersetzen. So wird es aber bei Matth. 11, 5 getan: Ihnen "wird das Evangelium verkündigt". Aber nein, es heißt in Matth. 11, 5 mit größerer Wahrscheinlichkeit: "sie verkündigen das Evangelium". Dann soll man das so verstehen: Einmal von Jesus selig gesprochen und in Freude versetzt, sprechen nun sie selbst andere selig und versetzen sie in Freude. Aus befreiter Armut wird befreiende Armut. Die Armen werden aktiv, werden selbst zu Verkündigern. Darum sage ich: "Arme und Verrandete sind Subjekte der Kirche, nicht deren Objekte."

Die Hinweise auf tendenziöse Bibelübersetzungen zeigen, wie die Argumente für eine Mittelstands-Gestalt der Kirche erst durch die werdende Mittelstandskirche erzeugt wurden. Gerade gegenwärtig verändert sich nun in Europa diese Gestalt, wenn auch nicht freiwillig und nicht zielstrebig. Die Organisation Kirche wird bereits ärmer und führt gesellschaftlich immer mehr eine Randexistenz - und immer mehr Kirchenmitglieder rutschen sozial ab und verranden. Diese doppelte Marginalisierung ist schwer zu ertragen, man kann aber biblisch wirklich nichts gegen sie einwenden. Wenn man sich ein bisschen mit dem Übersetzen (siehe oben) beschäftigt, muss man sie sogar befürworten. Nicht dem Volk, das im Hellen wohnt, erscheint ja ein Licht, sondern dem Volk, das im Finstern wohnt! Nicht wo die fetten Felder, sondern wo die kargen Hänge sind, ist das Gelobte Land. Und nicht der Wohlstand ist befreiend, sondern die Armut. Also Kirche als Kirche der Armen und der Ausgegrenzten, nicht mehr nur Kirche mit Herz für sie. Die Armen und Randexistenzen nicht als zu behandelnde Objekte, sondern als das handelnde Kirchensubjekt. Nicht: "Wir müssen die Maßstäbe gemäß den Armen ausrichten." Sondern: "Die Armen sind der Maßstab, nach dem die Kirche einzurichten ist." Nicht: Den Armen wird das Evangelium verkündigt. Sondern: Die Armen verkündigen es.

© Hans-Peter Gensichen