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Befreiung aus dem Reichtum

Die Befreiungstheologien in der "Dritten" Welt haben viele in Europa beeindruckt: Theologien der Armen und Randexistenzen. Sie entstanden in den sechziger / siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. (Im Folgenden werde ich, selbst Theologe, mich mehr auf die Befreiungstheologien als auf die parallelen Befreiungsphilosophien beziehen.) Von "Theologie der Befreiung" sprach zuerst der peruanische Katholik Gustavo Gutiérrez. Sein Buch von 1968 erschien 1973 auch in Deutschland, in zehnter Auflage dann 1992. Parallel zu Lateinamerika entwickelten sich in Afrika "Schwarze Theologien" sowie in Asien "Theologien des Volkes". Priester und Intellektuelle stellten sich mit ihnen auf die Seite der Armen, damit diese sich gegen die Unterdrückung erheben und aus ihrer extremen Armut befreien könnten. Seit den 90er Jahren interpretieren die Befreiungstheologen "Arme" auch durch "Ausgeschlossene". Arme sind nie nur materiell arm, sondern immer auch gesellschaftlich geächtet bzw. ohne Perspektive an den Rand gestellt.

In Deutschland sehr bekannt geworden ist der Mönch, Lyriker und Politiker Ernesto Cardenal und sein "Evangelium der Bauern von Solentiname" sowie die "Lateinamerikanischen Psalmen". Cardenal schreibt mit großer Empathie und mitten aus der sandinistischen Revolution, dem Kampf gegen die Diktatur des nikaraguanischen Somoza-Regimes. - Ein anderer Mönch, der deutsche Dominikanerpater Manfred Gerigk hat eine "prosaischere" Theologie der Befreiung verfasst. Er hat viele Jahre für seinen Orden in Bolivien und El Salvador gearbeitet. Sein Text kann unter www.dominikaner-mission.de gelesen werden. Gerigks Theologie der Befreiung zeigt, wie ausführlich man die Bibel auf befreiungs-theologische Aussagen durchsuchen kann und dass dabei modernes europäisches Theologenwissen und Liebe zu den Armen des Volkes zusammenfinden können. Besonders umfassend (mehr als 1300 Seiten) und informativ ist die Aufsatzsammlung "Mysterium Liberationis", die auf spanisch und auf deutsch erschien. Die Schicksale der beiden Herausgeber sind besonders bezeichnend. Der eine von ihnen, der Jesuitenpater Ignacio Ellacuria, wurde 1989, zusammen mit fünf Ordensbrüdern, im Wohntrakt der von ihm geleiteten Jesuitenuniversität in San Salvador von Soldaten bestialisch ermordet. Der andere, Jon Sobrino, wurde 2007 vom Papst wegen seiner Theologie gemaßregelt. - Neue Trends in der Befreiungstheologie hat Stefan Silber in der Herder-Korrespondenz (H.10 / 2006, S. 523ff) bzw. in www.con-spiration.de/texte/2006/liberation.html dargestellt.

Die südlichen Befreiungstheologen wollen, dass alle bisher ausgeschlossenen Menschen Anteil erhalten an den Ressourcen dieser Erde - den materiellen, ökologischen, kulturellen, geistigen und politischen. Das ist und bleibt gerecht; und Glaube, Liebe und Hoffnung zeigen die Perspektiven der Befreiung dorthin. Der zentrale biblische Text in dieser Theologie erzählt vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, dem Land der Gefangenschaft, nach Palästina, dem Land von Selbstbestimmung und Freiheit, dorthin wo "Milch und Honig fließt". Ein anderer wichtiger Bibeltext (aus dem Neuen Testament) ist der "Lobgesang der Maria", das "Magnificat", mit den Sätzen "Gott stößt die Machthaber vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungernden sättigt er mit Gutem und lässt die Reichen leer ausgehen..."

Wir in Westeuropa schau(t)en diese Theologie an wie im Fernsehen und ließen / lassen sie gerne gelten für jene Länder, aus denen sie kam. Also für Länder mit einem Brutto-Inlandsprodukt weit, weit unter dem unseren, oft sehr undemokratischen Regierungen und überaus ausbeuterischen Kapitalisten. Dort sind die Armen zehnmal, fünfzehnmal ärmer als die Armen des Nordwestens. Bei uns in Westeuropa waren die Grundgegebenheiten, die man im Süden erst noch erkämpfen musste und muss, längst erstritten worden. Hier gab / gibt es eine nur noch minimale Säuglingssterblichkeit, eine gratis Schulbildung für alle und klare Regeln gegen Kinderarbeit, sauberes Wasser und Straßenbeleuchtung für alle, eine geregelte Sozialversicherung, Arbeitsschutzbestimmungen und Sicherheitsstandards, Emissionsgrenzwerte, überhaupt Gesetze und Verordnungen, die für alle galten, Sozialhilfe sowie, für den Extremfall, Gratis-Schulungen für Analphabeten oder Suppenküchen für Hungernde. All das sind für den Süden weitgehend unerfüllte Forderungen, ebenso wie die Gleichberechtigung der Frauen, die ein neues Thema der südlichen Befreiungstheologie geworden ist. Insofern mussten / müssen diese Befreiungstheologien mit ihren Forderungen, wie spannend sie sich auch anschauten, für uns immer auch peinlich sein; denn sie formulier(t)en Forderungen und Hoffnungen nach einem höheren materiellen und sozialen Lebensniveau und einem freieren gesellschaftlichen Klima, in dessen Niederungen und Selbstverständlichkeiten wir im Nordwesten "um Gottes Willen" nicht zurückfallen woll(t)en. Das Wort "peinlich" ist freilich noch viel zu schwach; treffender ist wohl "skandalös". Denn das Entwicklungsniveau des Nordwestens, an dem sogar dessen Arme noch partizipieren, hängt aufs stärkste von der Ausbeutung des Südens ab: Billiges Bauxit, Blumen im Winter, Gartenmöbel aus Tropenholz, argentinische Steaks, Kaffee, der dort zu Dumpingpreisen eingekauft wird, billige T-Shirts, Fußbälle aus Kinderarbeit usw. usw. kommen aus dem Süden und führen bei uns zu Luxus für Millionen, im Süden aber zu fortgesetzter und extremer Ausbeutung. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat das in der "Dependenztheorie" formuliert (Dependenz = Abhängigkeit): Die bis heute nicht überwundene Unterentwicklung des Südens ist eine glatte Fortschreibung der kolonialen Ausbeutung; und die Gegenleistungen, die bisher vom Norden in den Süden kommen, sind nicht geeignet, die Lage des dortigen Volkes grundsätzlich und gründlich zu verbessern. Im Gegenteil, wir arbeiten kräftig mit an der Fortschreibung der Ausbeutung.

Für die so andere Situation Westeuropas - hohes materielles und sozialstaatliches Niveau und wirtschaftliche Stärke des Nordwestens - war zweierlei symptomatisch: 1. reichte bisher ein soziales Engagement, welches die Härtefälle benannte und (weitere) Verbesserungen anmahnte. Mit Blick auf die Reichen des Nordwestens sollte es den Armen des Nordwestens noch besser gehen als bisher. Parallel dazu gab es ein beeindruckendes medizinisches und Fürsorgewesen sowie Gewerkschaften mit Forderungen für immer neue Verbesserungen. Zugleich wurde und wird (2.) in nördlichen Diskussionen unsere eigene Mitwirkung am Armwerden und Armbleiben des Südens immer wieder ausgeblendet. Die Armut der Armen des Nordwestens wird nie an der so sehr viel ärmeren Armut des Südens gemessen, sondern immer am Reichtum der nördlichen Reichen. So kann dann eine Eliminierung der Armut im Nordwesten parallel zu der im Süden gefordert werden.

Im 19. Jahrhundert hatte der Slogan "Bekämpfung der Armut" oder "Eliminierung der Armut" für den Nordwesten noch einen Sinn gemacht. Aber im 21. Jahrhundert ist er bei uns (1.) praktisch undurchführbar und (2.) klar unsolidarisch geworden. Wer dennoch auch heute von einer "Eliminierung der Armut" im Norden träumt oder redet, ahnt zugleich, dass daraus real nichts mehr werden wird. Denn zum einen gibt es im Nordwesten eine neue Armut - und diese ist fast das einzige, das noch wirklich wächst -, und der müssen wir uns stellen. Und das heißt: nicht sie "weg haben" wollen, denn eben dieses "weg" ist ja gerade gescheitert. Wie sollte, umgeben von Schrumpfungen auf so vielen Ebenen, das Ärmerwerden mit Reichermachen behoben werden? Es muss vielmehr darum gehen, den Prozess des Ärmerwerdens zu gestalten. Es handelt sich dabei um das Aufkommen einer Armut, die zwar fatal für die Betroffenen sein kann, aber materiell noch weit über der südlichen, der allerärmsten Armut liegt. Würden wir es im Nordwesten wirklich schaffen, unsere Armut zu eliminieren, so würde das im Süden der Welt nichts anderes bewirken als eine Zementierung der dortigen extremen Armut. Konkret gesagt: Die fast drei Milliarden Menschen, die weniger als zwei US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, würden weiterhin unter dieser Grenze bleiben.

Mit unserer (a) neu entstehenden und (b) immer noch um so viel komfortableren Armut können, müssen wir neu und anders umzugehen lernen. Neu und anders als der Süden mit der seinen.

Der Nordwesten muss seine eigene Befreiungstheologie erarbeiten. Befreiung zur Armut und aus dem Reichtum heraus. Sie wird mit dieser Ausrichtung befreiend sein. As wird eine Theologie des neuen Randes und der neuen Randexistenzen sein. Nicht, indem sie uns von unseren neuen Rändern weg und in die alte wohlige Mitte bringt, sondern weil sie uns ein Leben am Rand neu ermöglicht.

Die südliche Befreiungstheologie bzw. -philosophie und die dortigen Gesellschaften konnten insgesamt noch mit Steigerungen, mit dem "Höher, Weiter, Schneller" rechnen. Dort passte und passt das. Eine westeuropäische Befreiungstheologie hingegen, in einer materiell reichen, sozial ausgestalteten und ökonomisch potenten Gesellschaft, die inzwischen eine Gesellschaft des Schrumpfens und der neuen Verrandung ist, muss ohne das Paradigma "Expansion / Wachstum" auskommen. Sie muss helfen, die ungeliebte Bewegung nach unten (die noch dazu historisch völlig neu ist) anzunehmen und aus ihr, nolens volens, ein Projekt zu machen, eine Kultur des Loslassens zu praktizieren. Das bedeutet auch: Sie wird in Westeuropa wenig Begeisterung erfahren und entfachen. Wenn man im Süden von ihr hört, wird sie hingegen als Signal für eine endlich erreichte nördliche Vernunft verstanden werden.

Für eine spezifisch westeuropäische Theologie der Befreiung gibt es bisher kaum Vorarbeiten. In Büchern über die südliche Befreiungstheologie, ob im Süden oder im Nordwesten geschrieben, sucht man immer wieder vergebens nach Aussagen über die "Nordrelevanz" dieser lateinamerikanischen Innovation. So auch in "Stationen eines Exodus" von 2007, herausgegeben von Thomas Schreijäck. Wichtig sind immerhin zarte Andeutungen in dem von Raul Fornet-Betancourt herausgegebenen Buch "Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft" (Mainz 1997) und von dem Tübinger katholischen Theologen Norbert Greinacher von 1986. - In dem Sammelband von 1997 warnt Adolfo Abascal-Jaen davor, die Theologie der Befreiung nur wie eine exotische Frucht in den Nordwesten zu importieren (Bd. 1, S. 145). Giancarlo Collet fordert in diesem Sinne, "auf die aus dem Süden kommenden Anfragen schöpferisch zu antworten" (in Bd. 3 desselben Buches, S. 170ff). In seinem Buch "Der Schrei nach Gerechtigkeit" sagt Norbert Greinacher 1986 etwas mehr. Er nennt acht Elemente, die in einer nördlichen Befreiungstheologie nicht fehlen dürfen:
1. Das Eintreten gegen politischen, kulturellen und theologischen Neokolonialismus.
2. Die klare Option für die Armen in der "Dritten" und in der "Ersten" Welt.
3. Die radikale Infragestellung der Konsumorientierung im Nordwesten.
4. Die Etablierung eines einfachen Lebensstils im Nordwesten.
5. Die Überwindung der Entfremdung durch den Reichtum, die so typisch für den Nordwesten ist.
6. Das Akzeptieren der Dependenztheorie, d. h. das Eingeständnis, dass wir im Nordwesten zu den Unterdrückern des Südens gehören.
7. Die Kritik einer "Entwicklungshilfe", die allzu oft a) nördlichem Eigeninteresse dient und b) nur südliche Eliten fördert.
8. Die Kritik des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, das durch Ausbeutung und neue Armut seine strukturelle Sünde zeigt.

Diesen Kriterien sucht der vorliegende Entwurf zu entsprechen. Das heißt ich versuche (schöpferisch, wie Collet das nennt) eine hier in Westeuropa erforderliche, glaubwürdige und umsetzbare Theologie der Befreiung. Sie wird teilweise sogar konträr zu der südlichen sein. Aber gerade im Anderssein entspricht die nördliche der südlichen Befreiungstheologie. Sie ist mit dieser über Kreuz verbunden. Bei allen Unterschieden - ja gerade indem sie sich dieser Unterschiede bewusst wird - wird eine neue nördliche Theologie der Befreiung dann doch solidarisch mit der südlichen sein und zu einem gemeinsamen Projekt mit ihr führen. Dieses Projekt beschreibe ich im 10. Teil "Ein gemeinsamer Wohlstand".

© Hans-Peter Gensichen