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Was heißt "Milch und Honig"?

Die Bibel kennt eine große Utopie der Befreiung und des Guten Lebens. Diese wird dort nach der Befreiung aus der Knechtschaft des Volkes auch Realität, schrumpelt dabei aber heftig zusammen. Zugleich wird sie dabei auch aufbewahrt und in der Praxis neu durchdekliniert. Die (nun viel bescheidenere) Faktenlage hat nicht alle vorherigen Hoffnungen erfüllt, aber auch nicht völlig negiert. Das hat ihre Anhänger realistischer gemacht. - Dieser alte Vorgang spielt teils in der Gefangenschaft des alten Volkes Israel in Ägypten, teils in der Wüste und teils in den Randgebieten des für reich gehaltenen Landes Palästina:

In seinem langjährigen ägyptischen Exil hatte das Volk der Israeliten Fleisch zu essen gehabt. Man war nicht frei gewesen, aber satt. Großväter, Söhne, Enkel waren im fremden Land gefangen gewesen. Israel, die alte Heimat hieß bei ihnen meist "Gelobtes Land", aber die Erinnerung an sie war verblasst. Manchmal wurde sie auch das "Land, wo Milch und Honig fließt" genannt. Aber was hieß das eigentlich?

Dann kamen Millionen von Heuschrecken und Hunderttausende von Fröschen und andere Plagen. Der Pharao schaffte das bisschen Wohlstand, die Vergünstigungen für die Deportierten ab. Das Volk Israel geriet ganz an den Abgrund seiner Existenz. So flohen sie gemeinsam an die Ostgrenze Ägyptens, durch das ausgetrocknete Meer, in die Wüste. Die Soldaten des Pharao konnten sie nicht aufhalten; Gott war ganz offenkundig mit dem Volk unterwegs. Das Land, wo Milch und Honig geflossen sein (und noch immer fließen) sollte, kam nun näher - und auf ihrer Wanderung dorthin waren sie schon ganz frei. Aber der Weg dauerte Jahre und der Hunger wuchs, und der Durst. Die Fleischtöpfe Ägyptens, die zuletzt freilich nur noch kleine Schüsseln mit Knochenfleisch gewesen waren, wurden in den Erzählungen größer und größer. Manchmal fanden sie immerhin eine Quelle Wasser, manchmal etwas, das sie "Manna" nannten. Das machte sie ein bisschen satt und stillte für Stunden den Durst. Aber was war das für so viele, und was war das nach so vielen Hungertagen? Die Milch, welche angeblich in der fremden Heimat fließen sollte, wurde immer fetter, je sehnsüchtiger sie von ihr träumten, und der imaginäre Honig immer süßer. Aber beides war weit weg.

Als das Volk an das Ende der arabischen Wüste gekommen war und damit auch den Anfang des Gelobten Landes erreicht hatte, schickte man Kundschafter in das Innere der alten Heimat, in der noch niemand von ihnen gewesen war. Die brachten erfreuliche Nachrichten mit: Dort lebten riesige Menschen, die Weintrauben waren geradezu voluminös, die Felder mit fettem Getreide bestanden, die Bäume wuchsen in den Himmel, und es hingen Datteln über Datteln an ihnen. Ein überaus Gelobtes Land! Von Milch aber und von Honig sprachen die Kundschafter nicht. Doch die Superlative, in denen sie berichteten, kamen bei dem Volk gut an. Jeder verstand schon jetzt, dass der Weg durch die Wüste sich gelohnt hatte und dass man nun besser würde leben können. Der Slogan vom "Land, wo Milch und Honig fließt", lebte neu auf. In diesem Land musste einem ja wohl die fette Sahne und der feine Honig nur so reinfließen. Alle glaubten den schönen Glauben an eine bessere, an die beste aller Zukünfte in der schönsten und reichsten aller Heimaten. Als sie dann im Gelobten Land ankamen, stellte sich heraus, dass jene großen Bewohner seit Generationen in den fruchtbaren Ebenen sesshaft waren. Sie waren Bauern und Handwerker, nicht unvermögend und nicht wehrlos. Es interessierte sie nicht, wer vor tausend oder hundert Jahren hier gewesen sein sollte oder wollte. Das Volk Israel hielt dagegen, dies Land sei auch heute seine Heimat von früher her. Aber dafür gab es keine Beweise - vor allem aber keine Machtmittel, um den Anspruch durchzusetzen. Doch die Bewohner der fruchtbaren Ebene sahen einen Ausweg: "Die Hänge sind noch frei, die Hügel. Geht dorthin!" Das Volk der Israeliten wehrte sich. Sie wollten nicht mehr Nomaden sein und am Rand des Existenzminimums leben müssen, sie wollten endlich sesshaft werden: Landwirte und Handwerker. Magere, steile und abgelegene Hügel waren doch kein "Gelobtes" Land! Die reiche Mitte des Landes: in die wollten sie, das war ihr Anspruch. Sie wollten nicht an die dürftigen Ränder.

Einige gingen dann doch dorthin. Was blieb ihnen realistischerweise auch anderes übrig? Dort, an den Hängen, gab es viel zu tun: Schafe und Ziegen weiden lassen und wilde Datteln ernten. Die konnte man zu Sirup machen, die Milch der Tiere aber konnte man trinken oder zu dicker Milch oder Butter verarbeiten. Wenn man Glück hatte, fand man Nester von Wildbienen, davon bekam man etwas Honig. Aber der meiste "Honig" war bloß Sirup. Ab und an, wenn ein Fest war, wurde auch eine Ziege geschlachtet und gegessen. - Die aber, die sich dafür entschieden hatten, in die fetten Ebenen einzuwandern, holten sich blutige Köpfe. Sie konnten nicht Fuß fassen in den Zentren des Wohlstands. Sie träumten immer noch - manchmal von den Fleischtöpfen in Ägypten, dann wieder von großen Weintrauben und kräftigen Rindern. Aber es waren nur Träume, und alle ihre Versuche der Realisierung endeten kläglich und blutig. Ihre Brüder von den Hängen aber lernten die Schafe und Ziegen besser zu melken, die Datteln klüger zu pressen und die seltenen Nester der Wildbienen schneller zu finden. Vor allem aber: sie waren auf ihren Hängen ihre eigenen Herren. Sie hatten dort die Freiheit des Auszuges aus dem Exil bewahrt. Sie sahen den Himmel; nichts war zwischen ihnen und den Sternen. Sie sagten: Wir haben Milch. Wir haben Honig. Er ist nur von Wildbienen, und meistens essen wir den Sirup von Datteln. Aber süß ist der auch. Das ist das, was unsere Vorfahren seinerzeit hier auch gehabt haben. Mehr hätten wir uns nie wünschen sollen.

Die im Tal versuchten immer wieder, die Hülle und Fülle zu erzwingen. Sie kämpften für mehr. Erfolg hatten sie nicht; sie holten sich nur blutige Nasen. Die an den Rändern sagten: Was wir auf den Hängen erlebt haben, ist eine Erfüllung gewesen, jedenfalls ein Art von Erfüllung. Keine große, zugegeben, sondern kleiner als erwartet, aber haltbar. Und wir sind frei und dem Himmel näher. Die Hang-Bewohner lebten in jenem nachhaltigen Glück, von dem viel später Jesus zu den Armen sprach, als er sie zu "ArmSeligen" machte.

(Die Anregung zu diesem Abschnitt über Milch und Honig habe ich aus dem Buch "Am Anfang war die Ökologie" von A. P. und A. H. Hüttermann von 2002.)

© Hans-Peter Gensichen