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Grund-Satz der Befreiung

Die Seligsprechung der Armen ist der fundamentale und entscheidende Satz von Jesus Christus. Er ist unerhört, denn er gibt den ganz an den Rand Geschobenen volle und ganze Zentralität. Er deklariert die Ganzheit und das Heil der Kaputten und sagt, dass die Weinenden sich freuen und lachen können. So erhalten sie ihre Würde. Jesus sagt diesen seinen Satz, weil er selbst Gott ganz nahe ist und weil er weiß, dass Gott ganz nahe am Rand ist. Dort ereignet sich Gottes Nähe. Sie ereignet sich fern von den Zentren der Gesellschaft, dort wo die Gesellschaft nur noch Würdelose, Gottlose sieht. Die Ansage dieser Nähe zu diesen Leuten ist unerhört. Der Gott vom Rand ist so sehr Nähe, Jesus ist mit ihm so intim, dass er ihn im Vaterunser-Gebet mit "Abba", zu deutsch "Vati" oder "Paps" anredet. Selbst die übliche Übersetzung des (ursprünglich aramäischen) Wortes Abba mit "Vater", die ja auch schon sehr viel Nähe hat, hat noch viel zu viel Ferne. Nein, tatsächlich "Paps"! Dieser Gott ist den Fernen nahe: den Randexistenzen, die man "Gottlose" schimpft. Darum spricht Jesus die selig. Denn sie sind da, wo alle sein sollten: nahe Gott. Also sind die Ausgeschlossenen, die Armen für ihn und bei ihm selig ohne Wenn und Aber.

"ArmSelig" halte ich für ein gutes Wort für das Gemeinte: ARMundSELIGundARMundSELIGund.... Im gesamten deutschen Sprachraum wird es allerdings bisher nicht so verwendet. Es ist dort bisher immer als besonders nachdrückliche Form von "arm" verstanden worden, "ärmstens" sozusagen. Historisch gesehen, kommt es von dem mittelhochdeutschen Wort "armsal". "Armsal" ist dort das Substantiv zu "arm", also das, was heute "Armut" oder "Armsein" heißt. Man könnte vielleicht auch "Armheit" sagen. In Österreich nimmt man für "armselig" gar "totig", d. h. "ausgesprochen und absolut arm". - Auch in dieser Theologie ist "armselig" ein nachdrückliches "arm". "Nachdrücklich" heißt hier aber: In aller Armheit, und gerade in ihr, befreit und bestätigt. Vom Freund Gottes bestätigt als Freund Gottes. "ArmSelig" hat in diesem Buch endlich eine christliche Bedeutung: durch die Seligsprechungen von Jesus. Um diese Bedeutung zu signalisieren, schreibe ich es oft mit den zwei großen Buchstaben A und S. Manchmal schreibe ich stattdessen auch "befreit arm"; das meint dasselbe. Und um die Auswirkungen des Befreit-Arm-Seins auf andere zu markieren, füge ich öfter hinzu: "befreiend arm"

Seligkeit ist die nachhaltige positive Atmosphäre, die umfassender und gründlicher ist als "Spaß" oder als günstige / glückliche punktuelle Ereignisse und Stimmungen. Sie ist nicht sachlich zu begründen, nicht zu erstellen (herzustellen), nicht durch Machen hervorzubringen. Man kann Seligkeit nur erfahren (erleben) und genießen. Und gerade diese Nichtherstellbarkeit ist ihr Fundament. Die von Jesus Seliggesprochenen sind weit davon entfernt, ihr eigenes Glück und ihre eigene Glückseligkeit machen zu können. Es ist die Kraft von Nichts, die ihnen, den Nichtsen der Gesellschaft, Seligkeit zuteil werden läßt - und nur ihnen. Und nur sie können sie ergreifen. Der von Jesus präsentierte Gott kommt in einer "Dynamik des Nichts" zur Welt (siehe unten den vierten Text). Das ist weniger als wenig - und ist doch so viel: ein ganzer Sack voller Möglichkeit! Mit der Zuerkennung, mit dem Zusprechen dieser Seligkeit beginnt im Evangelium nach Lukas die "Feldrede", der Kerntext des Neuen Testaments überhaupt. (Die "Feldrede" bei Lukas entspricht in etwa der "Bergpredigt" im Matthäus-Evangelium.) Im Lukas-Evangelium folgen ihr unmittelbar zwei weitere Seligsprechungen: "Selig sind die Hungernden" und "Selig sind die Weinenden". Auch die sind in der Perspektive der existierenden Gesellschaft Nichtse. Armut ist mehrdimensional. Und immer ist - zur Zeit von Jesus wie zu allen Zeiten - mit Armut Ausgeschlossenwerden, Marginalisierung verbunden. Jesus wendet sich daher auch Menschen zu, denen es materiell gar nicht schlecht geht, die aber ebenfalls ausgeschlossen werden: den Sündern. Das sind Zolleinnehmer, Prostituierte, Anfalls- und Pestkranke (in denen man böse Geister vermutete). Auch Ausländer (Griechen, Römer) oder Bewohner "minderwertiger" benachbarter Gebiete (z. B. Samarianer) wurden ausgeschlossen und also von Jesus bevorzugt. Mehrdimensional wie dieses Konglomerat von Randexistenzen ist dann auch die Seligsprechung durch Jesus. Sie schafft Freiheit von Angst und Souveränität gegenüber jeglichem Ausgeschlossen- und Abgewertetsein: Weder Ohnmacht noch Besitzlosigkeit noch Leistungsschwäche noch gesellschaftliche Ächtung machen einen wertlos. Und weder Besitz noch Leistung noch Macht noch gesellschaftliche Achtung machen irgendjemanden wertvoll. Nichts deutet darauf hin, dass die Randexistenzen Achtung und Würde und Glück selbst erarbeiten können. Sie haben dazu keine Potenzen, und die Gesellschaft gibt ihnen dazu auch keine Chance. Und gerade das bringt sie unverstellt nahe zu Gott - weil es sie an den Rand zum Nichts gebracht hat. So gibt Jesus mit seiner Verkündigung denen am Rande die verlorene Ehre und die nicht gekannte Mitte, das abhanden gekommene Glück und die aberkannte Sozialität: Ihr seid, für wie gottlos man euch auch hält (für wie abgehängt ihr selbst euch inzwischen schon haltet) für Gott gut und wichtig, ja zentral! Ihr, die ihr nichts zu lachen habt, könnt - lachen und euch freuen. Das heißt: ihr seid befreit arm.

Jesus Christus deklariert, dass die Randexistenzen die Mittelpunktfiguren einer ganz neuen Welt sind: Sie sind selig - so arm und so am Rand wie sie sind und während sie so arm und so am Rand sind. Ihnen gehört das Reich Gottes und sie sind Gott ganz nahe. Der von Jesus präsentierte Gott zentriert gerade die, die keinen Zugang zum Zentrum haben. Ein Kamel könnte ja im Notfall noch durch ein Nadelöhr passen, ein Reicher aber wird schlechterdings nicht ins Reich Gottes kommen, ein Armer aber ganz leicht, leichter als das größte Kamel.

Bei Rhetorik lässt Christus es nicht bewenden. Zu der ersten Satzhälfte, in der er die jetzt Armen für selig erklärt, kommt die zweite hinzu: "denn das Reich Gottes gehört ihnen". Oft wird dieser Teil der Seligsprechung als Futurum verstanden, und rein grammatisch ist er das auch. Sollen also die Armen nur ver- oder getröstet werden mit einem Später, das Jesus "Reich Gottes" nennt? Nein, für Jesus hängt die Zukunft mit der Gegenwart streng und eng zusammen, und nicht wie ein Später, das auf das Früher dann folgt.

Unterschiedliche Neutestamentler interpretieren das Verhältnis von Zukunft und Gegenwart in der Verkündigung von Jesus unterschiedlich. Nähe zur Gegenwart gehört für Jesus auf jeden Fall und konstitutiv und immer zum Reich Gottes. Der wissenschaftliche Streit geht nur darüber, ob Jesus das Angekommensein oder das Nahe-Gekommensein des Reiches Gottes deklariert habe. Jüngst hat ein Theologe aus der kirchlichen Praxis, Claus Petersen, ganz konsequent (und ein bisschen einseitig) gezeigt, wie Jesus mit seiner Botschaft auf die Wirklichkeit im Hier und Jetzt gezielt hat: C. P.: Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Wirklichkeit statt Utopie? Stuttgart 2005. - Für mich erschließt sich der enge Zusammenhang von Zukunft und Gegenwart auch mithilfe der Nachhaltigkeitsethik (siehe weiter unten).

Jesus präsentiert das Futurum. Er zieht das kommende Reich Gottes ganz hinein in das gesellschaftliche Jetzt - und dieses Jetzt in jenes Reich. Das "Vaterunser"-Gebet muss im aramäischen Original die Bitte enthalten haben: "Das Brot des morgigen Tages lass uns schon heute essen!" Das ist schon wenig später nicht mehr verstanden worden und ist im griechischen Text (einer Übersetzung aus dem Aramäischen) nicht mehr zu erkennen. Man übersetzte nun: "Gib uns heute unser tägliches Brot" und reimte sich den Sinn dieser falschen Übersetzung so zusammen, dass damit das physische Nahrungsmittel Brot gemeint sei. Aber Jesus muss sich und seinen Jüngern wirklich gewünscht haben, dass das "Morgen" sich schon im Heute ereigne. "Das Brot des morgigen Tages lass uns schon heute essen" heißt also: "Dein Reich komme - jetzt". "Brot" war also metaphorisch gemeint: das was zu einem "satten", erfüllten, glücklichen Leben unbedingt nötig ist = die Anwesenheit des Reiches Gottes - das möge uns schon jetzt ganz konkret stärken. Wenn das geschieht, ist "Morgen" schon heute und "Heute" ein Stück von morgen. Und zwar nicht nur eine Vorahnung davon, sondern ein realer Teil. Und so praktiziert Jesus auch das von ihm Verkündigte als jetzt in der Welt schon startende, schon stattfindende, also gerade nicht als Utopie, nicht als irgendwann stattfinden sollende oder werdende. Die Hoffnungsperspektive, die er mitbringt und anbietet, ist unmittelbar und gegenwärtig, kein Gedankengespinst ohne Zeit und Raum. Ihren Ort hat sie am Rand der Gesellschaft. An jenem Ort, den die Vertreter der Zentrale glatt für einen Unort erklären. Er aber, der arme Mensch vom Rand, lebt so intensiv mit den anderen armen Menschen vom Rand, dass diese mit ihm, bei ihm und durch ihn bereits ihre neue Heimat gefunden haben: das nachhaltige Glück eines anerkannten und genügenden Lebens jetzt. Gottes Reich ist mitten drin, räumlich hier und zeitlich jetzt, wenn Jesus seine Mahlzeiten mit denen vom Rande hält - sei es beim Essen und Trinken mit Zöllnern und Sündern und mit seinen Jüngern, oder sei es beim Brotverteilen an die vielen Zuhörer nach seinen Predigten. Ebenso bei seinen Staunen erregenden Heilungen, mit denen er die herkömmliche Medizin der Mitte unterläuft und übertrifft. Immer werden aus Zukunftshoffnungen Gegenwartsrealitäten und aus Randerscheinungen Zentraloffenbarungen.

Wenn Jesus die Armen selig spricht, beleuchtet er die Fakten nicht nur neu, sondern erneuert auch die Fakten selbst. Er lässt eine neue und alternative Sozialität entstehen und bettet die Armen und Verrandeten in ihr ein - er gibt ihnen eben das, was sie, neben dem Materiellen, am meisten verloren hatten. Er hebt die Perspektivlosigkeit auf, die mit dem Armsein verbunden ist und die das Armsein so schlimm verschlimmert. Aber die neue Perspektive, die er schafft, heißt nicht "Dann", sondern "Jetzt". Weil das so ist, muss Jesus nicht gegen die Armut und für die Armen kämpfen wie ein Revolutionär, er kann sich aber mit aller Kraft gegen das Bittere ihrer Armut und gegen ihr Alleingelassensein mit der Armut und gegen das Verzweifeln an ihr einsetzen.

Die Zeit des Gesundwerdens und Sattwerdens und Heilwerdens ist eben schon angebrochen! Die besseren Zeiten kommen nicht später, die Perspektive, die den Seliggesprochenen so sehr gefehlt hat, ist schon unmittelbar da. Die Gegenwart des Randes ist schon ganz heilig und in der Gemeinschaft, im Sattwerden, im Einander vertrauen, in der wechselseitigen Vergebung von Schuld, im Einander annehmen, im Heilen und Gesunden, in der mitmenschlichen Liebe, im Beten des "Vaterunser" (immer mit dieser Bitte "das Zukunftsbrot schon heute!"), in den Gesprächen, im Lachen, im Singen, bei den Festen, in dem Frieden, der dabei waltet, beim Segnen der Feinde, im Miteinander-Teilen, in der Gerechtigkeit zwischen ihnen. Das ist Reich Gottes und findet statt, wo Jesus auftritt und als Armer unter Armen lebt, die Seligsprechung beglaubigt und so die deprimierende, aussichtslose Randsituation radikal verändert.

Er holt aber die Randfiguren mit diesen Erfüllungen im Jetzt nicht in die Mitte der jetzt noch existierenden Mittelpunktgesellschaft zurück. Nein, das nicht; denn die Mitte der Mittelpunktgesellschaft ist nicht sein Ort. Vielmehr kreiert er selbst am Rand ein neues Zentrum. Er macht den gesamten Rand zum Zentrum. Das geschieht durch seine Existenz, durch sein Reden und Tun, und es geschieht in der Gesellschaft der ArmSeligen und deren Zusammenkünften mit ihm. Damit leben sie jetzt und hier in der soeben anbrechenden, hier und jetzt sich präsentierenden Zukunft. Sie erleben und praktizieren die Zukunft in der Gegenwart. Das ist ihre neue und schon erfüllte Hoffnungsperspektive.

© Hans-Peter Gensichen