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Arme leben zukunftsfähig

Mit Jesus zieht die Zukunft Gottes schon ganz in die Gegenwart hinein - und die Gegenwart in die Zukunft. Wie verhält es sich dann mit dem, was später, also nach Jetzt kommt und was man gewöhnlich "Zukunft" nennt?
Die Antwort der zweiten und dritten Generation nach der Kreuzigung und Auferstehung von Jesus hieß: "Christus kommt nach diesem ersten Mal sehr bald ein zweites Mal wieder - und dann in globaler Kraft und Herrlichkeit und für alle Menschen, nicht nur für einige wenige - und darauf warten wir." Doch diese Antwort war schon bald nicht mehr überzeugend; denn so geschah und geschieht das nicht. Wenn man dennoch glaubte, die Zukunft (als zweites Hiersein von Christus) würde eine bessere Zeit werden, vollkommener als die Gegenwart (=die Zeit nach dem ersten Hiersein), so entsprach das nicht dem, was Jesus getan hatte: Er hatte ja gerade die Zukunft präsentiert, also die Zukunft ganz in die Gegenwart und diese in jene hineingeholt. Und indem die Zukunft schon gegenwärtig wurde, wurde in der Nähe von Jesus die Gegenwart heilig. Von jetziger Heiligkeit aber kann es später keine Steigerung geben. Denn was sollte "mehr als heilig" sein - und wie? Mehr als das, was sich in der konkreten (praktizierten und zugesprochenen) Gemeinschaft der Jesus-Jünger realisiert, kann keiner erwarten, der seine Erfahrung mit Jesus hier und jetzt gemacht hat.

Dennoch soll und muss man das erneute und weitere Wirken von Jesus und das Weiterwirken der ersten Jesusgemeinschaft in späteren Generationen irgendwie denken. Es muss ja in jedem Fall ein sehr starkes sein; und es muß etwas zu tun haben mit dem Auftreten Jesu vor 2000 und mehr Jahren! Heute legt sich dafür ein Modell nahe, das nichts mit Steigerung / Maximierung und dennoch viel mit Zukunft und mit Erfüllung und Stärke zu tun hat. Es ist der Gedanke der Zukunftsfähigkeit oder der Nachhaltigkeit, englisch sustainability.

Zukunftsfähig, sustainable existiert in der Gegenwart (so sagt dieses Konzept), wer heute schon so lebt, wie es für seine Urenkel gut ist und wie die auch einmal leben können sollen. Nur ein Lebensstil, den sich auch alle Nachkommen leisten können, taugt auch für unsere Gegenwart. Wenige Jahre nach Hans Jonas formulierte die von der UNO eingesetzte Weltkommission für Umwelt und Entwicklung den Maßstab "Nachhaltigkeit" so: "Die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen - aber ohne dabei zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können." Wer jetzt so handelt, der handelt nachhaltig bzw. zukunftsfähig. Bei dem reicht die Zukunft mit ihren Maßstäben in die Gegenwart hinein. Und so findet - in seinem Verhalten - die Zukunft schon gegenwärtig statt.

Das zeigt sich dann im sparsamen Energieverbrauch, in einem schonenden Umgang mit dem Boden, in der rationalen Gestaltung der Mobilität (d. h. einem Mobilität-Sparen), im Schutz nicht nur der Lebewesen, sondern auch der Berge, der Eisberge, der unterirdischen Bodenschätze, in einer minimierten Müllproduktion usw. und bedeutet für uns im Nordwesten der Welt, unseren materiellen Verbrauch, ja überhaupt den materiellen Umsatz in der Produktion und im Konsum stark zu senken: so stark, dass die Umwelt nicht noch mehr zerstört wird und dass noch unsere Urenkel, zusammen mit allen Urenkeln der Welt, von ihr und auf ihr leben können - und das auf einem menschenwürdigen, materiell für sie alle auf einem auskömmlichen Niveau: nicht sehr hoch, aber doch auskömmlich. Eine solche Auswirkung auf spätere Generationen ist das, was man eine Erfüllung nennt: Da erfüllt sich dann, wofür zuvor vorgearbeitet worden war! Eine auskömmlich, genügsam, verantwortlich und froh gelebte Gegenwart, ein befreites Armsein im Jetzt erfüllt den Anspruch der Urenkel und Ururenkel an uns Heutige, zu ihrer Zeit auskömmlich, genügsam, froh und verantwortlich zu leben.

Mit dieser Erfüllungs-Perspektive ist ein befreites Armsein, ist Armseligkeit auch etwas befreiendes, befreiend für den jetzt Handelnden und auch für andere, spätere Betroffene: für unsere Nachkommen. Denn sie befreit diese aus der Not, nicht mehr ausreichend zum Leben zu haben. Einer Not, die die bisherige Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft hervorgebracht hat. Noch vor einer, vor zwei Generationen wurde das Aufkommen einer solchen Not gar nicht für möglich gehalten und man glaubte auch nicht, eine Ethik der Zukunftsfähig-keit nötig zu haben. Heute aber erkennen wir, wie außerordentlich gefährdet das Auskommen unserer Nachfahren ist: gefährdet durch den herrschenden nördlich / nordwestlichen, durch unseren Lebensstil. Und wir sehen, dass ein befreites Armsein diese Gefährdung aufheben kann.

Es gibt inzwischen unüberschaubar viel Literatur zur Zukunftsfähigkeit / Nachhaltigkeit. Ein neuerer Aufsatz zeigt gut den Zusammenhang mit der christlichen Theologie: Hans-Peter Gensichen: Die ethische Dimension von Nachhaltigkeit. In: Gerd Michelsen, Jasmin Godemann (Hrg.): Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation. Grundlagen und Praxis. München, 2005, S. 96-106. - Dort zeige ich auch, welche geistesgeschichtlichen "Vorfahren" die Ethik der Nachhaltigkeit hat. Die sind uralt - obwohl doch die Nachhaltigkeit zuletzt gar nicht mehr im Denken vorkam und gegen Ende des 20. Jahrhunderts "neu erfunden" werden musste. Zunächst ist da die "Goldene Regel", die in den Urkunden vieler Religionen anzutreffen ist: Man soll anderen Menschen nicht Dinge antun, die man selber nicht von anderen Menschen erleiden möchte. Also eine Regel für ein ausgewogenes Miteinander im Jetzt. Jesus hat dieser Regel eine positive Formulierung gegeben: "Was ihr wollt, dass die Leute euch tun sollen, ebenso sollt ihr ihnen auch tun." - Im 18. Jahrhundert hat Immanuel Kant die Goldene Regel von der Ich-Du-Ebene auf die Ebene Staatsbürger - Gesetzgeber gehoben: "Handle so, dass die Maxime deines Wollens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Der berühmte Kategorische Imperativ. Ende des 20. Jahrhunderts dann die Ausweitung auf die zukünftigen Generationen als ethische Gegenüber der Heutigen. Eine zweite Formulierung von Hans-Jonas zeigt das: "Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand ein." Das ist immer noch die alte Goldene Regel, nun aber stark geweitet und neu formuliert in den Dimensionen einer globalisierten Welt

Die Philosophie der Nachhaltigkeit klärt, dass und wie die Zukunft mit ihren Maßstäben und Maßgaben in die Gegenwart hineinreicht - und dass sie insofern schon in der Gegenwart stattfindet. Da bestimmt die Zukunft die Gegenwart - und indem wir uns in der Gegenwart von den Maßstäben der Zukunft leiten lassen, ermöglichen wir den Zukünftigen ein angemessenes Leben. Diese moderne Zeitphilosophie hat eine große Ähnlichkeit mit der Ausrufung des Reiches Gottes durch Jesus und mit seinen Seligsprechungen. Das Nachhaltigkeitsdenken und die Verkündigung Jesu, beide, verschränken ja Gegenwart und Zukunft aufs Intimste, und beide interpretieren sich wechselseitig. Gegenwärtige ArmSeligkeit im oben beschriebenen Sinne ist zukunftsfähig und zukunftsträchtig. In ihrem armseligen Handeln stimmen die selig gesprochenen Armen und Verrandeten mit dem Morgen überein. Sie nehmen den zukünftigen Generationen keine Ressourcen weg. Sie kommen ja wegen ihrer Armut an all das gar nicht heran. Insofern leben sie nicht gerne zukunftsfähig, ihr Kampf ums Überleben ist hart. Aber gerade so, gerade in einer Gesellschaft des geringen Wohlstands, knapp oberhalb der Armutsgrenze, entsprechen sie der Zukunft der Urenkel. Mithin: Die jetzt ArmSeligen sind Gesandte der Zukunft. Sie können zurecht hoffen, dass das, was jetzt und hier bei ihrem Sattwerden und Vertrauen und Lachen und Teilen und Singen geschieht, gut ist für alle und für überall und allen überall zu leben hilft: ArmSeligkeit = nachhaltiges, zukunftsfähiges Glück!

Die Nachhaltigkeit / Zukunftsfähigkeit hat in dieser Befreiungstheologie eine ganz wichtige Funktion. Ich gehe auf sie auch in den Texten 7 ("Zivilisation des Randes") und 10 ("Ein gemeinsamer Wohlstand"). Es ist besonders die Zukunftsfähigkeit der Armen, die ich dort beschreibe. Ein biblisches Bild für sie ist "das Land, wo Milch und Honig fließt"; das skizziere ich im dritten Text ("Was heißt Milch und Honig?").

© Hans-Peter Gensichen