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Am Rand: die Mitte

Der Gott, den Jesus kennt und verkündigt, erscheint ganz am Rand. Der Rand und die Randexistenzen sind diesem Gott besonders sympathisch und verwandt. Man muss selbst am Rand sein und muss Gott am Äußersten des Randes suchen - und kann ihn dort auch kennen lernen, und nur dort. Etwas marginaleres als diesen Gott kann man sich gar nicht vorstellen. Auf Lateinisch gesagt, ist dieser Gott "id quo nihil marginalius cogitari potest". Ganz im Gegensatz zu jener mittelalterlichen Definition, wonach Gott "id quo nihil maius cogitari potest" ist (man kann nichts Größeres denken als ihn). Dieser allergrößte Gott ist von Religionskritikern schon lange bestritten worden, besonders in der Neuzeit. Sie haben ihn von einem Thron in der Mitte vertrieben. Und ganz zu Recht; denn dort kann jedenfalls der allermarginalste Gott, den Jesus Christus präsentierte, gar nicht Platz nehmen. Der Gott, den Jesus Christus repräsentiert, ist definitiv nicht diese Art von Mitte für diese Art von Gesellschaft, sondern ganz das Gegenteil davon.

Zum Ende seines Wirkens wurde Jesus verraten, gefangen genommen, zum Tode verurteilt, gekreuzigt. Er wurde ins Nichts gestürzt. Seine Mörder hatten sich dabei auf ein gähnendes Nichts (eben das des Todes) verlassen, nicht aber mit einer vitalen Dynamik des Nichts gerechnet, die Neues ermöglicht. Sie ließen Jesus Christus sterben, er war weg, selbst sein Grab war schließlich leer - und er erschien in Galiläa seinen alten Jüngern neu. Das war wieder in jenem Randgebiet, in dem er schon vorher gelebt hatte und aufgewachsen war, wo er seine Worte geredet und seine Taten getan hatte. Nun aber, nach Ostern, erneut und wieder dort - und schließlich überall auf der Welt mit neuen Freunden. Wieder und wieder realisierte und realisiert er nun die Alternative, welche in den Monaten vor Ostern schon begonnen hatte: beim Beten des "Vaterunser", bei gemeinschaftlichen Mahlzeiten, während sie singen, einander segnen, einander die Schuld vergeben, miteinander teilen und satt werden, Feste feiern - und nicht aufhören können, von all dem zu ihren Mitmenschen zu sprechen.

Jesus kommt VOM Rand und geht ZUM Rand: Von der verachteten Region Galiläa über den verachteten Kreuzigungsberg Golgatha wieder neu in das verachtete Galiläa. - Man hat oft versucht, sein Wirken und sein Zur-Welt-Kommen dialektisch zu formulieren und so begreifbar zu machen: Der Sohn des Allmächtigen verzichtet auf seine Göttlichkeit, erniedrigt sich und wird ein kleiner Mensch wie wir. Wenn man aber die Botschaft von Jesus über Gott ganz und gar akzeptiert und realisiert, muss man Gott als eine Randerscheinung verstehen, als einen, der mit den Kleinen klein und mit den Marginalen marginal ist. Er muss nicht erst zu ihnen herabkommen, denn er ist schon längst unter ihnen. Statt mit Herabkommen und Sich erniedrigen hat seine Nähe etwas zu tun mit Immer-schon-am-Rand-sein.

Der Gott, den Jesus präsentiert (also: nahe bringt), ist für die Etwas-Welt rein gar nichts, auch nicht irgendetwas. Und dieses viel zu wenige ist so viel! Aus ihm kann so viel werden - und ist schon im Werden. Während die Mitte der Etwas-Welt die Fakten der Peripherie nur noch dunkel sieht, von ihnen wegdenkt bzw. sie verunsichert verdrängt oder borniert verschweigt, machen die Wellen, die aus dem Nichts kommen, mit dieser selben Peripherie etwas ganz anderes: Sie durchpulsen die Orte des Verschwindens und lassen sie auferstehen. Wo die wichtigen Projekte enden, wo der hohe Wohlstand schmilzt, wo die Innovationen nicht hinkommen, wo die Berufsarbeit ausgeht, wo das Interesse stirbt, wo die Verwerfungen am heftigsten sind: eben da zeigt sich die Energie des äußersten Randes. Aus dem Nichts wächst eine Kraft.

Die harten Fakten Armut, Hunger und Trauer erhalten durch die Wellen des Nichts eine neue Qualität. An verlassenen und verlorenen Orten wachsen produktiven Landschaften: ein Anlaufgebiet von Neuem. Da blühen weggeworfene und liegen gelassene Menschen neu auf, wachsen originelle humane "Pflanzen" und bilden sich erstaunliche Symbiosen zwischen ihnen. Dort, wo die herkömmliche Etwas-Welt am Ende ist, beginnt etwas zu entstehen. Es ist eine "Zivilisation des Randes" mit einer alternativen Kultur. Da wird die befreite Armut zu einer befreienden Armut. In der neuen Art von Gesellschaft, die nur hier so entstehen kann, werden die alten Fakten neu zusammengesetzt und neue geschaffen. Der Rand wird zur Mitte, zu einer anderen Art von anderer Mitte. Die Dynamik des Randes macht, dass man auf dem Rand neu zentriert leben kann. Mittelpunkt und Rand werden hier ununterscheidbar. In der Nähe des randnahen Gottes ist der Mittelpunkt im Rand.

© Hans-Peter Gensichen