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Zivilisation des Randes

Je schwächer die Mitte der Gesellschaft wird und je mehr letztere sich abwendet von den Rändern und diese aufgibt und verkommen lässt, desto breiter und stärker werden die Ränder. Und desto unbemerkter können dort Innovationen entstehen und desto weiter sickert diese neue Zivilisation dann in das ein, was einmal potente und ordentliche Mitte war. Das geschieht dann eher chaotisch.
Am Rand leben heißt am Rand leben müssen. Wer das muss, hat es vorher weder gehofft noch geübt. Er liebt es auch jetzt nicht. Aber irgendwie muss er seine Randexistenz fristen. Sich listig um das rar gewordene Lebensnotwendige kümmern. Dann gibt es aber auch die willentlichen Aussteiger, die idealistischen Pioniere eines einfachen Lebens. Deren Zahl nimmt sogar zu, aber prozentual, im Verhältnis zu den immer mehr Zwangsverrandeten, werden sie eher weniger.
Die Praxis eines solchen Lebens ist gerade im Entstehen. Nicht deutlich und nicht programmatisch; sondern verschwommen und chaotisch bildet sich unter den Randexistenzen eine neue Zivilisation aus. Wolfgang Engler hat in seinem "Handbuch des Überlebens" von 2005 dreißig Menschen porträtiert, die aus dem Berufsleben herausgefallen waren und die auf unterschiedliche Ideen gekommen und verschiedene Dinge unternommen haben, um in der neuen Lage zu bestehen. Einer baut seine Garage zum Getränkestützpunkt für das Dorf um. Ein anderer kauft für einen Euro einen abgewickelten Kuhstall und errichtet in ihm ein kleines Sägewerk. Ein dritter eröffnet nahe dem Rathaus einen Fahrradstellplatz, an dem auch Kleinstreparaturen ausgeführt werden. - Im Osten Deutschlands bilden sich solche Praktiken besonders rasch und scharf, wenngleich auch dort ganz ohne Programm. Im Osten wird sich die Bevölkerungszahl bis 2050 halbieren; und knapp zwei Drittel der (Rest-) Bevölkerung werden dort dann entweder arbeitslos oder über 60 Jahre alt sein: Mehr als die Hälfte der (wenigen) Menschen sind dann Randexistenzen! Im Westen läuft der gleiche Prozess etwas langsamer, weil abgefederter.

Wenn in einem Bezirk weniger als 30 Einwohner pro Quadratkilometer wohnen, wird vor allem viel ländliches Gebiet sozial herunterkommen. Die Öffentliche (und meist leere) Hand wird ab diesem Limit viele ihrer bisherigen Leistungen nicht mehr finanzieren können (z. B. Trink- und Abwassernetze). Und die Politiker fragen sich natürlich auch schon bei 40 Einwohnern pro km2, ob diese oder jene dringende Investition noch sein muss. In dieser recht häßlichen Lage werden neue Konstruktionen und Kombinationen entstehen: Auto-Mitfahrzentralen etwa - einst eher etwas für Universitätsstädte. Jetzt wird das Mitnehmen im halbleeren Auto zur Kontaktmöglichkeit und Nachrichtenbörse in einem dünn besiedelten Gebiet werden, aber auch zu einem Akt der Nächstenliebe. Das Trampen wird wieder entdeckt werden; warum nicht auch gegen einen kleinen Obolus, den man früher für den Bus oder die Bahn doppelt und dreifach zahlen musste? Aber deren Verbindungen wurden ja weitgehend gestrichen werden. An die Stelle von Bibliotheken werden private Ausleihstrukturen für Bücher treten. Zu den Innovationen in Randgebieten werden auch Wohngemeinschaften zurückgelassener einsamer Alter gehören. Da viele Alte in zu großen Häusern allein leben, werden sie andere zu sich ziehen lassen und tatsächlich die Jugend-WG's aus den 70er Jahren neu-alt wieder aufleben lassen. Und vermutlich wird es dort, bei aller Unterschiedlichkeit, ähnlich aufregend zugehen wie damals. Diese neuen Alten-WG's werden Alternativen zu teuren Pflegeheimen sein. Vielleicht wird die Pfarrerin, die nur noch 50 Prozent ihres Gehalts bekommt (wenn überhaupt), für die Betreuung der Alten-WGs sorgen. Womöglich lebte sie in ihrer Studienzeit selbst in einer WG und bringt Erfahrungen mit. Der örtliche Sanitäter oder eine Krankenschwester oder Arzthelferin werden, in Ermangelung eines Arztes, mehr Kompetenzen kriegen müssen als bisher und öfter mal bei der WG vorbeikommen - letztlich auch dann, wenn der Staat oder die Kassen oder die Ärztegewerkschaft ihnen diese Kompetenz gar nicht einräumen wollen.

Der Leerstand - Wohnungen, Eigenheime, Werkstätten, Gärten, Felder - wird enorme Ausmaße annehmen, die Mieten und die Bodenpreise werden fallen. Man wird nicht alles Leere abreißen können - und schon gar nicht ordentlich rückbauen. Die juristische Regelungsdichte kann und muss der Staatsapparat da drastisch absenken. Regelungen wie der Zwangsanschluss an die Abwasserentsorgung müssen in entvölkerten Regionen fallen gelassen werden; es werden dann (auch im Eigenbau) kleine biologische Kläranlagen entstehen können - eine alte Forderung von Umweltschützern, die dann endlich ohne bürokratische Querschüsse realisiert werden kann. Ähnlich beim Straßenbau und beim Trinkwasser. Ein Leitungssystem für die wenigen übrig gebliebenen Bewohner ist in manchen Regionen oder für manche Gehöfte nicht mehr haltbar. Also ist Brunnenbau, sind kleine und dezentrale Lösungen angesagt! Ebenso für die Heizung (z. B. autarke Holzheizung) oder beim Strom (Solarstrom, der nicht erst ins allgemeine Netz abgegeben wird, sondern gleich im Haus selbst, gegebenenfalls im eigenen Akku landet).
Man wird Landflächen, leer stehende Wohnhäuser und Werkstätten für sehr wenig Geld abgeben an Arme, Rentner und Aussteiger. Oder die werden sie sich einfach nehmen. Angler werden ihr Mittagessen auch aus Privatseen holen, in denen das Angeln verboten ist. Die Randexistenzen werden neuartige Arbeitsmöglichkeiten erfinden. Müssen sie ja, wenn Betriebe irgendwelcher Art dort nicht mehr existieren. Für stillgelegtes, ungenutztes Land sind Schenkungen oder ist eine billige Verpachtung angesagt. Gartenlandschaften mit Schrebergärten neuen Stils werden entstehen. Sie werden allein schon aus Geldmangel auf chemischen Dünger und große Erntetechnik verzichten - und werden so "unprogrammatisch ökologisch" werden, Bio ohne Bio-Siegel; wie in den Öffentlichen Gärten Kubas oder der USA. Oft genug werden sie eingebettet sein von Brachland, das sich allmählich zu einem artenreichen Lebensraum entwickelt: auch das Öko ohne Öko-Absicht, aber dennoch sehr wirkungsvoll.

Den "Biogärten von unten" auf landwirtschaftlicher Ebene ähneln im handwerklichen Bereich Werkstätten für Eigenproduktion und technische "Buden" für Reparaturen unterschiedlicher Art. Vermutlich werden das Mischungen aus heutigem Copyshop und Bastelbedarfsladen plus Hobbywerkstatt sein. Vielleicht konstruiert man dort, beispielsweise, neuartige Fugentrenner, die man für den Häuserabbruch braucht. Oder für den gleichen Zweck ein Entnagelungsgerät, das leichter zu handhaben ist als der traditionelle, seit dem Mittelalter nicht weiterentwickelte "Kuhfuß" (auch "Nageleisen" genannt). Damit wird man alte Bauhölzer viel besser entnageln - und das Holz erneut zum Bauen einsetzen können. Oder zum Heizen gewinnen - und Nägel zum Wiederverwenden. Das wird lohnend in Zeiten knappen Heizöls und teuren Metalls.
Man wird da längst museal Geglaubtes neu entdecken, aber durchaus auch Innovationen hervorbringen. Die Erfolgsgeschichte des Computers begann in Garagen von Silicon Valley, wirklich am uninteressanten Rand; warum sollte sich jetzt ähnliches nicht in Vorpommern abspielen? Eine Innovation, die man vorhersehen kann, wird es sein, Geräte wieder reparierbar zu machen, und zwar die ganze Produktpalette: von der Luftpumpe bis zum Computer. Die jetzige Praxis "Wegschmeißen statt Reparieren" ist ja nicht zukunftsfähig. Gefragt sind in dieser Hinsicht zwar letztlich die etablierten Firmen selbst; es gibt da aber auch ein großes "Versuchsfeld" für kreative Hausmeister, emeritierte Technikprofessoren und Ingenieur-Praktikanten, um "Unreparierbares" reparierbar und Geräte, die in Kompaktbauweise gebaut sind, wieder auseinandernehmbar zu machen. Ein "Projekt Reparierbarkeit" wäre sicher ziemlich ideal, um unterschiedliche Bildungsstufen und unterschiedliche, mehr theorie- oder mehr an der Praxis interessierte Leute zusammenzubringen. Schon heute eröffnen kreative Arbeitslose kleine Reparaturwerkstätten oder Änderungsschneidereien, weit entfernt, dies als "Projekt" zu bezeichnen. - Vielfach müssen es ja auch gar nicht Innovationen sein, die dort entstehen; es hilft schon, wenn der alte Staubsauger, der alte Rasierer nochmal fit gemacht werden kann. Und schon das Basteln und Werkeln und Selbermachen als solches bringt Spaß und Befriedigung - auch das zählt.
Unter den Mitarbeitern solcher Werkstätten werden neben "Bildungsfernen" mehr und mehr auch arbeitslose Designer und Architekten sein, aber auch Ingenieure und Juristen ohne Job. Die Zahl gescheiterter oder überdrüssiger bzw. einfach "überflüssig" gewordener Hochschulabsolventen wächst ja ständig. Warum sollten die hier nicht mitwirken? Da ist dann durchaus die ganze Bandbreite studierter Klugheit zu erwarten. Und da können auch Firmen entstehen, die über den Eigenbedarf hinaus wirtschaften können und denen von Werbeleuten geholfen wird, die Firma gut in Szene zu setzen.

Die an den Rand gedrückten Akademiker sind die eine Kooperationsgruppe. Eine andere Gruppe sind die engagierten Idealisten und die willentlichen Absteiger; also Menschen die, zum Beispiel, freiwillig in die leergesiedelten Teile der Lausitz oder der Uckermark gehen. Gerade Ältere dürften dazu gehören, die in den verbleibenden aktiven Jahren endlich, nach den Jahren der Berufsarbeit, etwas Vernünftiges bzw. ganz Eigenes oder einfach das, was wirklich Spaß macht, tun wollen. Eine größere Zahl von Künstlern kommt noch hinzu; sie stehen ein bißchen zwischen den genannten Gruppen. Soziologen sprechen von ihnen allen bereits als von der "Uckermark-Fraktion" (Die Uckermark, nördlich von Berlin, als eine exemplarische entleerte Region, in die viele solcher Leute schon jetzt ziehen). Diese Leute gehören im allgemeinen einer ähnlichen, meist akademischen Bildungsschicht an. - Das Nebeneinander dieser Gruppen birgt viel Sprengstoff. Konflikte, Mißverständnisse, Zerwürfnisse liegen in der Luft. Aber im Aufeinandertreffen der Verschiedenene schlummern auch ziemlich große Möglichkeiten. - Eine weitere (die größte) Gruppe sind die Alten, die schon immer dort gelebt haben. Über sie spreche ich ausführlicher im letzten Viertel des achten Textes ("Wegweiser ins Weniger"). Gerade das "von Oma und Opa lernen" kann in einer Mangelgesellschaft innovativ sein, wenn Zukunftsforscher auch zunächst das Gegenteil vermuten möchten.

Aber hier treffen nicht nur unterschiedliche Personengruppen aufeinander, sondern ganz verschiedene Philosophien: Idealismus und Materialismus: Mit ersterem kommt man willentlich an den Rand, wenn man schon vor dem Ausstieg ein geschärftes Gewissen und eine übergreifende Erkenntnis hatte - etwa dass der Kapitalismus perspektivlos sei oder dass unsere Erde mehr Schutz und weniger Nutzung brauche. Die Materialisten hingegen sind die, welche zuerst den faktischen Abstieg erlebt und erlitten haben und sich nun sekundär einen Reim darauf machen müssen. Damit stecken sie in einer ganz anderen Situation. Ihre Lage ähnelt insofern mehr dem Schicksal abgerutschter oder nie hochgekommener Angehöriger der "Unterschicht". Die ethisch-philosophische Erklärung und Klärung ihrer Situation ist bei ihnen erst in der neuen Lage möglich, nicht vorher. Schließlich war die alte Situation ja von ihnen akzeptiert worden. Die Idealisten können den unabsichtlich und planlos Verrandeten sicher nicht mit Visionen und klugen Sprüchen helfen und mit frommem oder engagierten Augenaufschlag den Segen des Herunterkommens preisen. (Und umgekehrt: Wenn der Abgestürzte sich nostalgisch zurückerinnert, wird das den bewußten Aussteiger, der seine Vergangenheit ganz hinter sich hat, nicht sonderlich interessieren.)
Die Begegnung der unterschiedlich Betroffenen muss wirklich auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Gerade engagierte Aussteiger mit ökologischen Beweggründen haben an sich ja handfeste Argumente für eine Verminderung des materiellen Niveaus - also auch für ein erzwungenes Zurückfahren des Lebensstils. Aber sie müssen auch verstehen, diese Argumente richtig und freundlich anzubringen!

Es gibt Schätzungen, dass in der schon erwähnten brandenburgischen Randregion Uckermark im Jahre 2030 etwa 40 Prozent der Bewohner Menschen sein werden, die erst nach 1990 (= nach dem Ende der DDR) dort hingezogen sind. Dieser hohe Anteil geht zum einen auf eine Art Neubesiedlung durch die (schon erwähnte) "Uckermarkfraktion" zurück, zum anderen auf den ständigen Wegzug von Einheimischen und auf die dort extrem niedrige Geburtenrate. - Die Melange aus den unterschiedlichen Gruppierungen, die sich dort bildet, wird jedenfalls sehr interessant werden und einen "verlorenen" Landstrich wie die Uckermark wahrscheinlich zu einer ebenso kreativen wie unberechenbaren Region machen. Zudem: Wenn (a) die Schrumpfungserscheinungen noch weiter in die deutsche, auch die westdeutsche Mitte vordringen und (b) Anzeichen einer Kreativität des Randes deutlicher als jetzt und bekannter werden, kann man auch mit Rücksiedlungen ehemaliger Bewohner rechnen, die dann dort an Projekten mitwirken, die sie noch nicht abgesehen hatten, als sie von dort weggegangen waren.


Gut möglich ist, dass stillgelegte, pleite gegangene, nicht mehr rentable Fabriken oder Werkstätten in aufgegebenen Regionen von deren arbeitsloser Belegschaft übernommen und wieder "flott gemacht" werden. Vorbilder gibt es: Etwa die "Fabricas Recuperadas" in Argentinien: Zunächst (2000 / 2001) hatten die Entlassenen dort gewartet, dass neue Investoren kommen würden. Aber die zeigten kein Interesse. Doch schon bald wurden 120 Objekte von den (ehemaligen) Mitarbeitern als Kooperativen übernommen; und zwar so unterschiedliche Einrichtungen wie eine Eisenschmiede, ein Krankenhaus, eine Zeitungsredaktion. Der argentinische Staat gab den neuen Betreibern einen legalen Rahmen. Deren Verdienst ist jetzt niedriger als früher, jedoch dreimal so hoch wie das dortige Arbeitslosengeld. - Wie auch immer so etwas in Deutschland im Detail aussehen wird: Solche Aktivitäten nehmen das Versagen der Expansions- und Profitgesellschaft kreativ und halb-illegal auf.

Die neuen landwirtschaftlichen Parks oder die technischen Werkstätten und die neuartigen WG's werden gewiss ohne die "deutsche Ordnung" mancher herkömmlichen Heime oder Kleingartenkolonien oder Gewerbeparks auskommen. Vielleicht so "liederlich" wie einst instandbesetzte Häuser in Großstädten. (Instandbesetzung, früher im großstädtischen jugendlichen Milieu geübt, kann zur Lösung vieler neuer Lebens-, Grundstücks- und Landprobleme beitragen.) Die Ästhetik der sozialen und der architektonischen Brache wird derjenigen der ökologischen Brache ähneln. Und sie alle können überraschend bunte Blüten hervorbringen.
Wenn die Gesellschaft und die Wirtschaft sich aus diesen Randlagen weiter so zurückziehen wie schon jetzt, wird auch manches an Automatisierung dort nicht mehr ankommen - oder wieder verschwinden. Das wird alte, ehemalige Arbeitsgelegenheiten für Menschen wieder neu freilegen. Apfelpflückmaschinen und Laubsauger sind da ebenso entbehrlich wie Fahrkartenautomaten oder auch Geschirrspülmaschinen. Deren Verschwinden muss keinen Spaß machen, bringt aber Arbeit und spart auch Elektroenergie - dringend nötig, wenn die teurer und teurer wird.

Elemente einer regionalen Wirtschaft und ein weitgehendes Selbstversorgerleben werden wiederkommen, auch wenn man die akademischen Konzepte (etwa eines Regionalen Wirtschaftens oder einer Solidarischen Ökonomie) da gar nicht kennt. Der deutsch-chilenische Volkswirtschaftler Manfred Max-Neef spricht von einer "Barfuß-Ökonomie", die sich in Südamerika bildet. Zitat: "Ein Merkmal der Armen ist, dass sie kolossal kreativ sind. Wir haben in Chile die Wirtschaft der Armen erforscht und konnten allein in einer Stadt über 200 Arten von Überlebensjobs klassifizieren. Fantastische Sachen! Aber diese Eigeninitiativen genießen keinerlei Unterstützung vom Staat..."

Es wird informelle Netzwerke der Selbsthilfe geben. Hier sind mancherlei Allianzen vorstellbar. Da kooperieren (siehe oben) materiell arme Arbeitslose mit betuchten Aussteigern, die zum Beispiel eine verfallende Burg aufbauen und dort ein kulturelles Zentrum schaffen. Andere entnageln für die Burg altes Bauholz, das dort für den großen Feuerungsbedarf gebraucht wird. Frauen, die vorher nie in einem Museum waren, führen Besucher durch die Ausstellung in der Kulturburg mit Bildern und Installationen von Künstlern aus der Region. Biobauern geben ihren Betrieben eine sozialpädagogische Richtung: Jugendliche ohne Ausbildungsplatz arbeiten dort auf den Höfen. Andere Biobauern üben den Schulterschluss mit den Schrebergärten der Armen.

Das Ökologische in der Zivilisation des Randes ist jedenfalls hochbedeutend. Und in einer großen Weltwirtschaftskrise oder einer gewaltigen Umweltkatastrophe kann eine Ökologie der Armen ihre Akteure besonders gut vor dem Kaputtgehen schützen, weil die Dezentralität, die Überschaubarkeit und ein ziemlich geringer Technisierungsgrad weniger anfällig gegenüber großen chaotischen Ereignissen sind.

Was schon in der Vergangenheit unter Normalverdienern probiert wurde, kann hier, in der Armut, existenzsichernd sein: Tauschringe: Ich mähe dir die Wiese - du machst mir ein Abendbrot - sie fährt ihn mit ihrem Auto zu seinem Onkel - er macht ihr den alten Angelkahn wasserdicht. In einem Umfeld, wo nicht nur das Geld knapp ist, sondern wo professionell betriebene Läden und Werkstätten fehlen, haben Tauschringe die Chance, zur Normalität zu werden. Zudem stärken sie die Sozialität und die Aufmerksamkeit füreinander. Diese Tauschringe werden möglicherweise, anders als in der Mitte der Gesellschaft, ohne Geld-Äquivalent auskommen.
In Tauschringen und in den Landwerkstätten der Armen wird "schwarz" gearbeitet, und das Geflecht eines Tauschringes stellt eigentlich einen "Schwarzen Markt" dar. So nennt man das nach dem herkömmlichen Muster. "Schwarz"arbeit und "Schwarz"markt gibt es inzwischen aber recht häufig in der ganzen Gesellschaft. Und je mehr die Berufsarbeit mit der lang-jährigen Mitgliedschaft in "meinem" Betrieb abhanden kommt, desto fragwürdiger werden die alten Begriffe. In Schwarzarbeit lässt man schon heute meist entweder das machen, was man sich nur ohne Steuern und Gewinnspannen noch leisten kann - oder das, was anders gar nicht angeboten wird: Nachbarschaftshilfe. Ich gehe auf die neue Logik der "Schwarz"arbeit im Text 9 noch einmal ein ("Wert und Würde - ohne Berufsarbeit").

Die Bilder, die ich hier gezeichnet habe, sind eher im ländlichen Raum platziert. In den Städten wird ein ähnliches Leben zugleich doch ziemlich anders aussehen. Zum Beispiel in Leipzig, das zugleich eine schrumpfende Stadt und ein Wachstumskern ist. Dort entsteht schon jetzt eine Vielzahl von "Arme-Leute-Läden": kleine Lebensmittelstände, Änderungsschneidereien, Getränkeverkauf aus der privaten Garage heraus, mobile Imbissstände, halb-private Autowerkstätten, Transport- und Baufirmen, alle mit deutlich niedrigeren Preisen als die herkömmlichen Anbieter aus dem Mittelstandsmilieu.
In der Subkultur des schrumpfenden Detroit ist einst die Techno-Musik entstanden. Ähnliches kann, zum Beispiel, in einer Leipziger Industrieruine geschehen - wahrscheinlich in Leipzigs schmuddligem und sozial auffälligen Osten. - Im Ganzen vermute ich allerdings, dass im ländlichen Bereich, 100 und mehr Kilometer von den großen Städten entfernt, bessere Möglichkeiten für eine Zivilisation des Randes und für eine neue soziale Einbettung bestehen. Dort können haltbare und verwurzelte Projekte eher entstehen: weil (1.) weniger Anonymität herrscht, (2.) ungeteilte Aufmerksamkeit füreinander möglich ist, (3.) das Elend besser erkannt werden kann, (4.) Handlungsmöglichkeiten klarer zu durchschauen sind, (5.) mehr Möglichkeiten für Selbstversorgerstrukturen gegeben sind, (6.) das Ländliche besonderen Reiz für Aussteiger hat, (7.) die Immobilien billiger sind, (8.) der Staat weniger dazwischenfunkt. In den großen Städten hingegen sehen eher aggressive Underdog-Gruppierungen ihre Chancen, wobei in problematischen Stadtteilen häufig die deutsche Unterklasse mit der türkischen, russischen usw. Unterklasse heftig konkurriert. Zudem bilden sich dort Gruppen, die mit Gewalt in die Mitte der Gesellschaft eindringen wollen. Sie bilden eine konsum-materialistische Schicht, die nicht für die Gestaltung ihrer Randsituation und eine Zivilisation des Genug steht, sondern die in Konkurrenz mit der abrutschenden Mittelschicht treten und an deren Stelle treten will. Diese explosive Mischung gibt es in ländlichen Randregionen nicht. Dort ist die Gefahr von Eskalationen geringer.
Auf dem Lande wie auch in den Städten gilt: Die Kultur des Randes, wie exotisch und chaotisch sie beginnen mag, wird selbstverständlicher und vielgestaltiger werden, als wir uns jetzt denken können. Vielfach sicher auch unheimlicher.

Klar, dass auch Alkoholkonsum, Kriminalität und Korruption dabei sein werden, Verbrechen und Verbrecher und viel Missmut und Depression. Und zwar in den großen Städten wie auch auf dem platten Lande. So nett jedenfalls wie in dem Film "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) werden die Einbrecher da wohl nicht sein. Wenn sie in den Villen der Reichen einbrechen, werden sie auch etwas mitgehen lassen - und nicht nur den Kühlschrank umdekorieren. Und da die schrumpfende Expansionsgesellschaft und ihr Staat immer weniger Ordnungshüter haben wird - am wenigsten für die aufgegebene Peripherie -, wird er nicht mehr gegensteuern können: nicht gegen soziale Aufbrüche und nicht gegen negative Entwicklungen. Anstelle der Polizei, bei der ja auch Stellen gestrichen werden, können sich informelle Security-Teams bilden. Ähnliches gilt für die Feuerwehr. So wie die streng-rechten Parteien sich zur Zeit in Deutschland entwickeln, beginnen deren "Kameradschaften" in den Randregionen schon in die Rolle der Helfer und Beschützer zu schlüpfen. Gefragt wäre dann eine andere Partei, die Besseres zu bieten hätte. Welche wäre das? Das Entstehen von Parallelgesellschaften (das habe ich ja eigentlich eben beschrieben) muss wirklich nicht unter Neonazi-Führung stattfinden, es muss auch nicht mafiose Erscheinungen hervorbringen. Und es geht ja nicht nur um kämpferische Schutztrupps. Es geht überhaupt um die neue soziale Einbettung von vereinzelten, orientierungslosen Menschen. Auch um die kümmern sich neuerdings DVU oder NPD. Zum Beispiel bieten sie kostenlosen Nachhilfeunterricht schon für Zehnjährige an oder betreuen stundenweise Kleinkinder. Warum hört man ähnliches nicht von den demokratischen Parteien (außer mancherorts von der Linken)?
Wenn aber die Demokraten und die demokratischen Institutionen die Zeichen der Zeit nicht sehen und nicht verstehen? Vielleicht wird eine "Partei der Armen" entstehen. Diese kann dann helfen, ein großes Problem zu lösen, das mit der neuen Zivilisation des Randes verbunden ist: ihre anarchischen Strukturen. Zunächst sind da ja nur informelle Buden und Netzwerke, die ohne Satzungen und Paragraphen auskommen und deren Gerüste aufgrund von Zufällen und Notlagen, familiären und nachbarschaftlichen Beziehungen oder alten Freundschaften entstanden sind oder gerade entstehen. Und die sind nicht immun gegen Günstlingswirtschaft und Korruption und haben keine Regeln dagegen.

© Hans-Peter Gensichen