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Argumente für das Weniger

In Europa waren mehrere Generationen mit der Philosophie des "Höher - Schneller - Weiter" recht zufrieden. Nun geht tatsächlich diese nette Phase zu Ende, und auch Ökologie und Moral sprechen für ein "Flacher - Ruhiger - Knapper". Also für ein Weniger statt des bisherigen Immer-mehr. Das Absenken des westeuropäischen Wohlstandsniveaus ist sehr schmerzhaft. Man kann damit aber durchaus leben; es gibt dafür intelligente Entwürfe. Ein biblischer wurde schon genannt: Knapp und karg, aber frei und auskömmlich leben im "Land, wo Milch und Honig fließt". Ein anderer, dessen Rationalität leicht unterschätzt wird, ist das Märchen von Hans im Glück. Es ist eine bemerkenswerte Verbindung von Theologie, Weisheit und Fabulierkunst. Es ist eng verwandt mit der biblischen Seligsprechung, leistet aber etwas, das diese nicht tut: Es erzählt von dem allmählichen, schrittweisen Weg aus dem Wohlstand und aus der Arbeitswelt heraus - und die Zustimmung zu ihm. Also von dem, was vor uns liegt:

Hans hat sich einen Goldklumpen erarbeitet. Als er entlassen wird und ohne Arbeit ist, geht er auf die Straße. Er wandert wieder in die Heimat: zur Mutter. Eine neue feste Arbeitsstelle sucht er nicht. Immer wieder nimmt er Abschied von Teilen seines Besitzes und seines Lebensstandards. Nie denkt er daran, dass er doch das Erarbeitete ans Ziel seines Weges bringen müsse, da die Mutter doch sicher auf Geld warte. Er scheint zu wissen, dass er willkommen sein wird, wenn er dort mit nichts ankommt. Allerdings wirft er den Besitz auch nicht weg. Er glaubt auch nicht, dass es gerade das Wenige sei, was ihn glücklich mache. Er ist kein engagierter Idealist. Aber tatsächlich verliert sein Leben nicht an Qualität, wenn sein Besitz kleiner wird. Denn jedes Mal tauscht er für das Alte etwas ein, mit dem er die neue Situation besser bestehen kann. Zuerst das Pferd für das Gold. Das Gold hinderte ihn nämlich am Fortkommen, das Pferd aber bringt ihn nun voran. Dann hat er Durst; da tauscht er das Pferd gegen eine Kuh. Die versteht er freilich schlecht zu melken. Wenn das so ist, kann er sie auch gegen ein Schwein tauschen - und das dann gegen eine Gans. Die wiederum gegen einen Schleifstein. Der fällt schließlich in einen tiefen, tiefen Brunnen. Nun steht er vor dem Nichts. - Jedes der Tauschgeschäfte bedeutet ein materielles Abwärts für Hans. Aber in der jeweiligen Situation stecken stets neue Vorteile. Es geht ihm nicht abstrakt um ein absichtliches Armsein. Sondern darum, jeweils die konkreten Herausforderungen zu meistern; und dafür ist jeder seiner Täusche wirklich gut. Das (buchhalterisch gesehen) Verlustgeschäft beinhaltet für die jeweilige Situation ein Vorwärts mit neuen Chancen.

Als der letzte Stein in den Brunnen gefallen ist, kniet der Glückliche nieder und dankt Gott, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen habe. Angesichts von Nichts ist Hans dicht bei Gott und dankbar. Er ist jetzt ganz frei. Er springt auf und geht zur Mutter: dorthin, wo er ohne Frage, ohne eigenes Zutun, und ohne mitgebrachtes Gold, ohne festen Job anerkannt wird. Er ist nun ganz in der Heimat angekommen und echt glücklich. Aber er ist das nicht erst dort, sondern war es schon seit dem ersten Tausch. Er hatte schon in allen Gegenwarten das Glück erfahren und es in allen seinen Tauschgeschäften schon gelebt. Er hatte die Zukunft im jeweiligen Jetzt schon erlebt.

Bisher kaum aufgefallen ist den Interpreten, dass nach der Hälfte der Tauschgeschäfte das Handeln von Hans prinzipiell anders wird als vorher, obwohl sich an dem Trend zum Weniger nichts ändert: Zuerst war immer Hans selbst es gewesen, der seine Partner zum Tauschen aufforderte. Danach aber kommen die neuen Geschäftsinitiativen von den Fremden, die er gerade trifft. Und die reden ihm nacheinander alle ein, dass ein weiterer Tausch für ihn gut sei. (Das Schwein sei ein gestohlenes und werde gesucht; und es sei klug, sich schnell von ihm zu trennen, um nicht als "Dieb" in die Hände der Suchenden zu fallen usw.) Das ist gelogen, doch Hans geht darauf ganz unbefangen ein; bei ihm werden die vorgetäuschten Vorteile zu wirklichen. Offenbar hat er auf der ersten Hälfte des Weges seine Lektion für deren weiteren, objektiv härteren Teil schon gelernt und kann nun das Abwärts leichter akzeptieren. Seine täuscherischen Tauschpartner freilich sehen in ihm einen Dummkopf. Klar, denn sie folgen der alten Logik des numerischen Wachstums.


Kurz nenne ich zwei weitere Argumente, um mit dem Weniger umgehen zu können.
Erstens: Der Hoch-Wohlstand des gegenwärtigen Westeuropa hat (a) eine nur ganz kurze Geschichte und existiert (b) nur in dem engen Gebiet Westeuropa / Nordamerika. Er ist nicht globale Normalität, sondern regionaler Sonderfall. Ganz persönliche Rückgänge und Abstürze gehören zur Normalität des Neuen Jahrhunderts. Das macht sie nicht erfreulich, aber doch leichter verarbeitbar. Vor allem erleichtert es die Erkenntnis, dass sie meist nicht aus mein Versagen, meine Schuld zurückgehen, sondern Elemente einer historischen Entwicklung sind.
Zweitens: Es ist meist nicht der in Euro gemessene finanzielle Verlust, der so schwer ist. Jedenfalls fühlt sich der Sturz von 4000 auf 2000 Euro ebenso schmerzhaft an wie der von 2000 auf 1000. Neid gegenüber Reicheren ist eine eher schlechte Reaktion. Hilfreicher ist es, die Lebensmöglichkeiten mit dem knapperen Budget kreativ zu erkunden.
Im zehnten Text werden dazu Zahlen aus Südamerika genannt, die zeigen, dass Glück / Zufriedenheit in keinem direkten Verhältnis zum materiellen Wohlstand und zum Bruttoinlandsprodukt stehen.

© Hans-Peter Gensichen